Von Moritz Koch, New York

Im Wirbel der letzten Tage ist John McCain fast untergegangen. Mit seiner Nominierungsrede meldet sich der Präsidentschaftskandidat zurück, greift das Establishment in Washington an - und präsentiert sich trotz seines Alters als Erneuerer.

Es gibt ihn also noch. Man hatte ja fast vergessen, dass diese Woche dem weißhaarigen Herrn gehören sollte, der da im Scheinwerferlicht auf die Bühne schreitet: John McCain. Erst stahl Gustav, der Hurrikan im Golf von Mexiko, dem Kandidaten die Show. Der Sturm fegte über New Orleans, zwei Millionen Menschen flüchteten und die Republikaner sahen sich gezwungen, den Beginn des Parteitags zu verschieben.

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"Steht auf und kämpft!" - John McCain appelliert an die Amerikaner (© Foto: AP)

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Und als sich Gustav am Dienstag in ein gewöhnliches Tiefdruckgebiet auflöste und in St. Paul der Vorhang aufging zur Nominierung McCains, drängte Sarah Palin, der Wirbelwind aus Alaska, den Veteranen in die zweite Reihe. Die Debatten um die geringe Erfahrung der möglichen nächsten Vizepräsidentin, ihre konservative Gesinnung und die Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter hielten Amerika von da an in Atem. Nicht John McCain.

Nun aber ist sein Moment gekommen. Er schreitet auf das Podium zu, das weit ins Publikum hineinreicht und den Eindruck vermitteln soll: Hier spricht einer mit den Menschen, nicht über sie. McCain redet mit sanfter Stimme und setzt sich so von den wütenden Attacken ab, mit denen seine Parteifreunde Huckabee, Giuliani und Romney tags zuvor den Saal zum Kochen brachten.

Immer wieder kommt er auf die Liebe zum Vaterland zurück, die alle Amerikaner verbinde. Er wendet sich an seinen Gegner Barack Obama und bekundet ihm seinen Respekt. Er lässt Milde walten, genau wie seine Strategen es wollten. Sie fürchteten, der 72-Jährige würde wie ein grimmiger Greis wirken, wenn er über Obama herfiele.

McCain verspricht, das Land sicher zu halten und einen grundlegenden Politikwechsel einzuleiten. Vor allem wolle er gegen die Korruption kämpfen, gegen jene, die das eigene Wohl vor das Wohl des Landes stellen. "Der Wechsel wird kommen", verspricht er.

Der 72-Jährige hält keine große Rede. Er hangelt sich durch sein Skript, macht wenige Pausen, verhaspelt sich.

Begeisterung entfacht der Redner besonders in dem Moment, als er Sarah Palin erwähnt. Der Kandidatin für die Vizepräsidentschaft fliegen die Herzen der Delegierten zu. "Vergangene Woche habe ich Sarah Amerika vorgestellt. Ich kann es kaum erwarten, bis auch Washington sie kennenlernt", sagt McCain. "Meine Botschaft an die Nichtstuer und die Steuerverschwender in Washington: Wandel ist im Anmarsch." So etwas wollen die Delegierten hören.

Aber gerade der Kontrast zwischen den Reaktionen auf die Passagen, in denen er von Palin spricht, und jenen, in denen er über sich selbst redet, macht deutlich: McCain und die Funktionäre führen eine Zweckbeziehung. Er braucht sie, um Präsident zu werden. Und sie brauchen ihn, um ihre konservative Revolution fortzusetzen. Aber ganz geheuer sind sich beide Seiten nicht.

In der überzeugendsten Passage seiner Rede widmet sich McCain dem Frieden: "Ich hasse den Krieg", sagt der Vietnamveteran, dem von Kritikern vorgeworfen wird, als Präsident werde er eine hitzköpfige und kriegstreiberische Außenpolitik verfolgen. "Ich weiß, wovon ich spreche und wie schmerzvoll er ist."

Schon vor McCains Rede hatte ein kurzer Film an seine Zeit als US-Soldat erinnert, nun spricht er selbst von den Erfahrungen in nordvietnamesischer Gefangenschaft, die sein Leben geprägt haben. "Ich verliebte mich in mein Land, als ich ein Gefangener war. Ich liebte es, weil es nicht nur ein Ort war, sondern eine Idee, die es wert war, für sie zu kämpfen." Nach diesem Erlebnis sei er nicht mehr derselbe gewesen. Das Publikum applaudiert gerührt. Seine schmerzvolle Lebenserfahrung ist und bleibt der vielleicht größte Trumpf des Veteranen, der nie ganz von den Verletzungen der Folter genesen ist.

Fairness first

Dann aber gleitet er wieder in pure Symbolpolitik ab. Die Republikaner wollen die Energiekrise in Amerika mit neuen Bohrtürmen lösen. McCain war erst dagegen, doch inzwischen hat er seinen Widerstand aufgegeben. Heute Nacht sagt er: "Wir müssen nach neuen Ölquellen bohren." Die Delegierten sind verzückt. "Drill, baby, drill", skandieren sie, wie schon am Vortag.

Letztlich droht die absurde Albernheit der Funktionäre auf McCain zurückzufallen. Seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, behauptet er doch: "Ich weiß, wie die Welt funktioniert. Ich weiß, wie man Probleme löst."

Dennoch gebührt McCain Respekt. "Country first" ist der Slogan der Republikaner im Wahlkampf. "Fairness first" ist das Motto von John McCain in dieser Nacht. Vielleicht gerade noch zur rechten Zeit hat er mäßigend auf die verfeindeten politischen Lager eingewirkt und damit Geister eingefangen, die er selbst gerufen hatte. Mit Palins Nominierung und den gehässigen Angriffen seines Wahlkampfteams auf Obama, die Medien und liberale Eliten drohte der Wahlkampf wieder zu dem Kulturkampf zu werden, dessen das Land so überdrüssig war.

"Steht auf für euer Land! Steht auf und kämpft!"

Obama wurde in den vergangenen Monaten häufig als Phänomen beschrieben. Selten wurde in Rechnung gestellt, dass McCains bisheriges Abscheiden ebenso phänomenal ist wie die politische Blitzkarriere des 47-jährigen farbigen Senators. Nicht die spalterische Sarah Palin, sondern der gemäßigte John McCain hat geschafft, was politische Beobachter für unmöglich hielten: Die republikanische Partei im Rennen um das Weiße Haus zu halten, obwohl sie den wohl unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten stellt. Und McCain schafft dies ohne das rhetorische Talent seines Gegners Obama. Und ohne die Begeisterung von dessen Anhängern.

Am Ende bricht der Saal doch noch in Jubelstürme aus: "Steht auf für euer Land! Steht auf und kämpft!", ruft McCain seinen Anhängern zu. "Wir sind Amerikaner. Wir geben nicht auf. Wir verstecken uns nicht vor der Geschichte. Wir schreiben Geschichte." Es regnet Luftballons und Konfetti, als in Amerika offiziell und endgültig der Wahlkampf beginnt.

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(sueddeutsche.de/ihe/cag)