Abhör-Vorwurf von Donald Trump Paranoia-Donald verdrängt Staatsmann Trump

Mitte der Woche erklärte der US-Präsident die Zeit der "trivialen Kämpfe" für beendet. Nun twittert Trump Verschwörungstheorien über Obama und beweist, dass er weder Konzepte noch Selbstdisziplin hat.

Analyse von Matthias Kolb, Washington

Für US-Präsident Donald Trump war der Mittwoch der Höhepunkt seiner kurzen Amtszeit. Am Vorabend hatte er zu beiden Kammern des US-Kongresses gesprochen und liberale wie konservative Kommentatoren sprachen von seiner "besten Rede" und attestierten dem Republikaner, dass er "im Amt des Präsidenten angekommen" sei.

Diese Mischung aus Euphorie (konservative Hälfte des Landes) und etwas Respekt (progressive Hälfte des Landes) hatte Trump ausgelöst, indem er - für seine Verhältnisse - wenige falsche Fakten verbreitet hatte und etwa Medien nicht als "Volksfeinde" bezeichnet hatte. Er rief die Demokraten zur Zusammenarbeit auf und sagte: "Die Zeit der trivialen Kämpfe liegt hinter uns."

Drei Tage später ist die Überparteilichkeit verschwunden, und auch um Sachpolitik geht es nicht. Trump zettelt von seinem Mar-A-Lago-Privatklub in Florida via Twitter in bewährter Manier viele Kämpfe an. In die Kategorie "Triviales" fällt, dass er über Arnold Schwarzenegger spottet, der als Moderator von Trumps einstiger Reality-TV-Show "Celebrity Apprentice" abtreten wird ("armselige Einschaltquoten"). Solche Kommentare mögen viele als unwürdig für einen Präsidenten ansehen, doch um diese Privatfehde geht es nicht an diesem Wochenende.

Viel schockierender ist, dass Trump am Samstagmorgen in vier Tweets Barack Obama vorwirft, dieser habe angeordnet, die Telefone im "Trump Tower"-Hochhaus abzuhören. Trump nennt keine Belege für seine Anschuldigungen und den Vergleich zwischen Obama und Richard Nixon, der wegen der Watergate-Abhöraffäre zurücktreten musste. Im Laufe des Samstags weist ein Obama-Sprecher die Aussagen kategorisch zurück - und es werden neue Details bekannt.

Demnach sind weder Stabschef Reince Priebus noch Chefberater Steve Bannon mit Trump nach Florida gereist - die Tweets am frühen Morgen tippte der mächtigste Mann der Welt also offenbar ohne Rücksprache. Wie so oft ermöglicht @realDonaldTrump den besten Einblick in Trumps Seelenleben. Die Tweets machen deutlich, dass der 45. US-Präsident weiter weder Konzepte noch Selbstdisziplin hat.

Trump will ablenken - und attackiert wieder Obama

Dass Trump Twitter liebt und gezielt einsetzt, ist bekannt. Um von unangenehmen Themen abzulenken, hat er im Wahlkampf oft provoziert und attackiert. Dies könnte hinter den Obama-Watergate-Tweets stecken. Aus Trumps Sicht scheint alles besser zu sein, als Fragen nach Kontakten zwischen ihm, seiner Familie und seinen Ministern zur Regierung Russlands beantworten zu müssen. Die Nachricht, dass Justizminister Sessions über Treffen mit Moskaus Botschafter gelogen hat, beendete am Mittwochabend Trumps Kurzzeit-Hoch.

Ebenso wenig verwundert, dass Trump nun Obama attackiert. Seine Polit-Karriere begann damit, dass der Geschäftsmann als oberster "Birther" anzweifelte, dass Obama in den USA geboren wurde und somit rechtmäßiger Präsident sei. Trump setzt Verschwörungstheorien ebenso gerne ein wie falsche Zahlen - und er weiß, wie verhasst der Demokrat bei der republikanischen Basis ist (hier wird Trumps Twitter-Sturm gut ankommen, nach dem Motto "Er verteidigt sich nur").

Zuletzt meldete die New York Times (NYT), dass Mitarbeiter Obamas im Januar dafür sorgten, dass möglichst viele Informationen über russische Einflussnahme auf die Wahl und Kontakte zwischen Trump-Mitarbeitern und Moskau publik wurden. Ob Obama darüber informiert wurde, ist fraglich - aber Trump setzt stets auf Personalisierung und ein Artikel bei Breitbart News reicht ihm als Quelle aus.