Abgas-Affäre VW-Topmanager schwer belastet

Volkswagen-Hauptsitz Wolfsburg: Ein Motorentechniker belastet den Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer

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Bereits 2011 soll laut internen Ermittlungen ein Techniker den damaligen Chef der VW-Motorenentwicklung vor fragwürdigen Praktiken gewarnt haben - und nicht ernst genommen worden sein.

Von Thomas Fromm, Max Hägler und Klaus Ott

Im VW-Skandal um manipulierte Abgasmessungen bei Dieselfahrzeugen ist in internen Untersuchungen ein hochrangiger Manager schwer belastet worden. So soll ein Motorentechniker im Jahre 2011 in Wolfsburg den damaligen Chef der Aggregate-Entwicklung der Marke VW und späteren Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer vor möglicherweise illegalen Praktiken gewarnt haben. Das hat der Techniker nach Angaben aus Unternehmenskreisen bei einer Befragung durch die Konzernrevision ausgesagt.

Dieser VW-Beschäftigte soll außerdem sinngemäß erklärt haben, seine Informationen seien von Neußer offenbar nicht ernst genommen worden. Inzwischen wurde der Aufsichtsrat von Volkswagen nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR über die Aussage des Technikers und weitere Erkenntnisse der Konzernrevision informiert. Neußer ist einer der drei Spitzenmanager im VW-Konzern, die wegen der Abgas-Affäre inzwischen beurlaubt wurden. Er war als Entwicklungsvorstand der Marke VW zuletzt direkt unter dem Konzernvorstand tätig, den Martin Winterkorn bis vor einer Woche leitete.

Heinz-Jakob Neußer (hier beim Autosalon in Genf) war als Entwicklungsvorstand der Marke VW zuletzt direkt unter dem Konzernvorstand tätig. Wegen der Abgasaffäre ist er inzwischen beurlaubt.

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Neußer war am Dienstag nicht erreichbar. Auf eine über Volkswagen an ihn gerichtete Anfrage reagierte er nicht. VW erklärte auf Anfrage zu diesem Vorgang, man befinde sich in einem "intensiven Aufklärungsprozess". Erst wenn man ein "klares Bild" habe, könne man Details zum Handeln einzelner Personen nennen. Für jeden Betroffenen gelte "bis zum Beweis des Gegenteils" die Unschuldsvermutung. Zur Aufarbeitung des Skandals will das Präsidium des VW-Aufsichtsrates an diesem Mittwoch zusammenkommen. Dann soll ein Zwischenbericht der internen Prüfer auf dem Tisch liegen.

Immer mehr Autos sind betroffen

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig ein Ermittlungsverfahren gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn wegen des Verdachts auf Betrug eingeleitet. Winterkorn ist sich "keines Fehlverhaltens bewusst", wie er sagt. Am Dienstagabend traf VW-Markenchef Herbert Diess die EU-Industriekommissarin Elżbieta Bieńkowska. Die Kommission wollte von VW wissen, wie viele Autos in welchen Ländern betroffen seien. Es sei bei dem Treffen nicht darum gegangen, Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern Fakten festzustellen, sagte ein Kommissionssprecher. Die Zeit drängt: Immer mehr Autos des Konzerns sind von den Abgasmanipulationen betroffen.

So sollen allein bei der Kernmarke Volkswagen weltweit fünf Millionen Autos zurückgerufen werden. Auch 700 000 Fahrzeuge der spanischen Tochter Seat haben die Software an Bord, bei Audi sind 2,1 Millionen Dieselfahrzeuge betroffen. Die Fahrer dieser Autos sollen laut VW "in den nächsten Wochen und Monaten" über die anstehenden technischen Maßnahmen informiert werden.

Der als VW-Chef zurückgetretene Winterkorn leitet weiterhin den VW-Großaktionär Porsche-Holding, hinter dem die Familien Porsche und Piëch stehen. Die Familien wollen an Winterkorn als Holding-Chef festhalten. Einflussreiche Arbeitnehmervertreter von VW fordern, dass Winterkorn sich ganz zurückzieht.