Abdullah Gül im SZ-Gespräch Türkischer Präsident attackiert Israels Führung

Die Beziehungen sind so schlecht wie lange nicht. "Ich habe kein Vertrauen in Israels Regierung", sagt der türkische Präsident Abdullah Gül im Gespräch mit der SZ. Zu oft habe ihn die Gegenseite in Geheimgesprächen enttäuscht. Vor seinem Deutschland-Besuch kritisiert er auch die Bundesregierung.

Von Christiane Schlötzer und Kai Strittmatter

Die Türkei hat nach den Worten ihres Staatspräsidenten Abdullah Gül "kein Vertrauen" mehr in die israelische Regierung von Benjamin Netanjahu. Die Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem haben sich zuletzt extrem verschlechtert. Die Türkei hat den Botschafter Israels ausgewiesen, weil die Regierung in Jerusalem eine Entschuldigung für die Tötung von neun türkischen Aktivisten auf dem Gaza-Hilfsschiff Mavi Marmara im Mai 2010 verweigert.

Gül bestätigte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass es mehrere Runden von Geheimgesprächen zwischen Ankara und Jerusalem gab, um den Konflikt auszuräumen. Aber jedes Mal habe die israelische Seite kurz vor einer Einigung ihre Meinung wieder geändert. Gül betonte, die Türkei habe keine Probleme "mit dem israelischen Volk", sondern nur mit der Regierung.

Zu der Gewalt in Syrien sagte Gül, die Türkei habe die Hoffnung aufgegeben, dass Präsident Baschar al-Assad Reformen anpacken werde. Die Zeit der autoritären Regime in der Region gehe aber zu Ende. Ihn schmerze es, dass in Syrien so viele Menschen zu Tode kämen. Zu den bereits erfolgreichen Umstürzen in der arabischen Welt und in Nordafrika sagte Gül: "Wir unterstützen diese Umwälzungen mit großer Begeisterung." Mit ihren demokratischen Standards könne die Türkei auch Inspirationsquelle für die Staaten im Wandel sein.

"Europa wieder auf Vordermann bringen"

Gül versicherte, dass die Türkei trotz ihres Engagements in den Umbruchstaaten des Nahen Ostens nach wie vor in die EU strebe. Er hoffe, dass nun immer mehr Menschen in Europa sehen würden, "dass die Türkei keine Last darstellen würde für die Gemeinschaft". Im Gegenteil könne die Türkei mit ihrer starken Wirtschaft auch dabei helfen, "Europa wieder auf Vordermann zu bringen". Gül betonte: "Wir könnten einen positiven Beitrag leisten."

Beunruhigt zeigte sich Gül über die schwere Krise bei den griechischen Nachbarn. Die Türkei helfe Griechenland schon mit ihren Touristen und sei bereit, noch mehr zu tun, meinte Abdullah Gül.

Bei seinem am Sonntag beginnenden Staatsbesuch in Deutschland will Gül nicht nur Berlin besuchen. Auf dem Programm stehen auch Hightech-Firmen in Baden-Württemberg. "Wenn wir uns Europa heute anschauen", sagte Gül, "sehen wir, dass es eigentlich nur zwei aufstrebende Länder gibt: Deutschland und die Türkei." Diese beiden Länder sollten deshalb auch für die Zukunft im Bereich von Forschung, Technologie und Wirtschaft zusammenarbeiten.

"Das passt nicht mehr"

Kritik übte Gül daran, dass Türken für Besuche in Deutschland weiterhin ein Visum benötigen, während das für Deutsche bei Türkeireisen nicht gilt. "Das passt nicht mehr zu unseren engen Beziehungen", sagte er. Auch für die meisten Balkanländer wurde der Visumzwang jüngst aufgehoben.

Wenn Deutschland seine starke Wirtschaft und seinen Wohlstand bewahren wolle, müsse es sich weiterhin öffnen, meinte Gül. "Es ist doch eine Tatsache, dass in Deutschland die Bevölkerung schrumpft." Inzwischen kehrten auch schon immer mehr in Deutschland gut ausgebildete junge Türken in das Land ihrer Eltern und Großeltern zurück, und dieser Trend könne sich noch fortsetzen. Der Visumzwang schade auch der Wirtschaft in beiden Ländern, meinte Gül.

Das gesamte Interview mit Abdullah Gül lesen Sie in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.