"Unsere Gedanken sind bei den Betroffenen und Hinterbliebenen"

    Augenzeugen-Bericht

    08.07.2005, 10:36

    Protokoll: Bernd Oswald

    Ein Münchner in London schildert seine Eindrücke am Tag nach den Anschlägen. Die Stadt hat sich erstaunlich schnell beruhigt, ihre Bewohner versuchen, zum Alltag zurückzukehren, den sie nun mit ganz anderen Augen sehen.

    Armin Seidler (Foto: privat)

    Der gebürtige Münchner Armin Seidler, 32, lebt seit vier Jahren in London. Er arbeitet bei der Londoner Investment-Bank TD Securities am Finsbury Square, zwischen den U-Bahn-Stationen Aldgate und Liverpool Street, wo es am 7. Juli zu den ersten Explosionen kam. sueddeutsche.de sprach auch am Tag nach den Anschlägen mit dem Banker. Hier seine persönlichen Eindrücke:

    Freitag, 8. Juli, 10.20 Uhr: "Die Vorstadtzüge fahren wieder, leider nicht im vollen Service, d.h. in Kurzzügen und halten nur an den großen Haltestellen. Mein Bahnhof London Bridge war bewacht von Polizei, anderen Security-Leuten und Bahnhofspersonal. Das ist sehr wichtig für die Moral und Stimmung an diesen Knotenpunkten.

    Die Busse fahren auch noch nicht wieder im normalen Umfang, aber jeder einzelne ist erleichtert! Ich brauchte zwar für meine Strecke ungefähr 30 Minuten, doppelt so lange wie sonst aber das macht nichts. Es ist fast wieder der gewohnte Verkehr, auch Zulieferer und Handwerker, Taxen sind wieder in der City. Das alles hilft schon sehr, um die Moral zu steigern und zu sagen: back to business, zurück zum normalen Leben.

    Wir haben gerade eine Mitteilung bekommen, dass niemand aus unserer Bank verletzt worden ist, Gott sei Dank!!! Aber natürlich sind unsere Gedanken bei den Betroffenen und Hinterbliebenen. Ich hoffe, dass nichts mehr passiert."

     
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    Armin Seidler am 7. Juli um 14:06 Uhr (MESZ): "Wir packen zusammen. Unsere Direktoren haben gesagt: 'Das hat keinen Sinn. Geht nach Hause.' Ich bin restlos fertig. Ich habe am 11. September 2001 Freunde von der Bank of America verloren. Das kommt jetzt alles wieder hoch. Ich habe Tränen in den Augen. Das geht unter die Haut. Ich möchte nicht wissen, was ich vorfinden werde, wenn ich jetzt auf die Straße gehe."

    Seidler um 11.23 Uhr: "Es ist brutal. Wir wurden gewarnt: 'Geht weg von den Fenstern'. Überall sind Sirenen, Flugzeuge und Helikopter zu hören. Gerade ist ein Bus explodiert. Höchstwahrscheinlich werden wir evakuiert. Die ganze City ist abgeriegelt. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause komme. Ich wohne im Süden Londons und müsste zur London Bridge Station und von dort mit der U-Bahn weiterfahren.

    Ich kann entweder mit dem Taxi nach Hause fahren. Das kostet dann 100 Pfund oder mehr. Oder ich kann mir ein Bed&Breakfast nehmen, wovon es einige in der Innenstadt gibt. Das werden wahrscheinlich viele Menschen machen. Morgen kann ich dann vermutlich nicht in die Arbeit kommen, zumindest nicht in das Büro in der Innenstadt. Wir haben aber noch ein Back Office in den Docklands im Ostteil der Stadt. Es ist auf jeden Fall eine ziemliche Stresssituation. Wir haben noch Glück gehabt: Der Anschlag war gegen 8.50 Uhr (Ortszeit), als die meisten Leute schon im Büro waren. So wie ich. Wäre ich nur einen Zug später gefahren, dann Gnade mir Gott!"

    (sueddeutsche.de)

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