Sanft wie der Revolutionär
Besuch bei Hosea Dutschke
11.04.2008, 11:06
Hosea Dutschke, der älteste Sohn Rudi Dutschkes, ist Verwaltungsdirektor für Pflege und Gesundheit, in der dänischen Stadt Århus (Foto: Stadt Århus)
Århus, im April - Es war an Heiligabend und nicht anders als in anderen Familien. Der Baum wurde geschmückt, Vater, Mutter und die beiden Kinder versammelten sich im dunklen Wohnzimmer und freuten sich am Kerzenschimmer. Die Mutter, schwanger bereits mit einem weiteren Kind, führte die Gans in der Küche der letzten Festreife zu, während der Vater vor dem Essen noch ein Bad nehmen wollte.
Lange kam er nicht zurück, und als seine Frau nachschauen ging, lag er tot in der Wanne, ertrunken bei einem epileptischen Anfall. Seine Frau, sein Sohn versuchten ihn wiederzubeleben, zogen ihn aus der Wanne, gossen ihm kaltes Wasser über den Kopf, vergeblich. Rudi Dutschke war 39-jährig an den Spätfolgen des Anschlags gestorben, den elf Jahre zuvor, am 11. April 1968, ein Hilfsarbeiter auf ihn verübt hatte.
Dutschke wurde in Berlin beerdigt. Sein Sohn Hosea-Che, wenige Tage vor seinem zwölften Geburtstag, wollte auf keinen Fall mit zur Beerdigung. Er versteckte sich im Bett, und als ihm seine Mutter das Kissen wegzog, sah sie, dass er sich Ohren und Nase mit Watte verstopft hatte.
Heute gäbe es für so einen Fall ausreichend Betreuung, sagt Hosea Dutschke, heute würden sich Vormundschaftsämter, Therapeuten, Seelsorger nach einem solchen Schicksalsschlag um die Hinterbliebenen kümmern. Die Familie hat es auch so geschafft: Dutschkes Witwe ist gerade aus Vietnam zurückgekommen, wo sie Englisch unterrichtet hat, der nachgeborene Marek arbeitet an der Hertie School of Governance, die jüngere Schwester Polly lebt im dänischen Århus. "Sie arbeitet bei uns als Krankenschwester, und ich bin ihr Boss", sagt der Verwaltungsdirektor Hosea Dutschke, der seinen zweiten Vornamen, den ihm die Eltern 1968 in Erinnerung an den toten Revolutionär Che Guevara gegeben haben, im Alltag nicht mehr verwendet.
Das Baby hat Glück
Wenn einer 68er ist, dann er. Hosea-Che Dutschke ist eine Person der Zeitgeschichte, einer der am meisten fotografierten Menschen von 1968. Als Berliner Mitbürger den vermeintlichen Aufwiegler Rudi Dutschke am liebsten "vergast" oder "ab ins KZ" geschickt hätten, brachte das Kind, das Dutschkes amerikanische Frau Gretchen am 12. Januar 1968 zur Welt brachte, einen menschlichen Faktor in die aufgeheizte politische Debatte.
|
|
|
|
Der Revolutionsführer zeigte sich mit seinem Erstgeborenen, hob das Baby für alle hoch, halb aus Stolz, halb als Schutzschild, er wickelte es zum freudigen Staunen der Fotografen sogar selber, und dann ist da die Geschichte mit den Dynamitstangen.
Der ebenso reiche wie revolutionsbegeisterte Verleger Giangiacomo Feltrinelli hatte sie im Februar 1968 zum Vietnamkongress aus Mailand mitgebracht, um die deutschen Genossen zur Tat zu drängen. Es existieren leichte Varianten der Geschichte, aber im Kern ist sie unbestritten: dass Rudi Dutschke den kaum einen Monat alten Hosea-Che im Tragekorb auf das Dynamit bettete, um den Sprengstoff unbeobachtet transportieren zu können. Im Kreis der Genossen - Gaston Salvatore gehörte dazu, Christian Semler, der Liedermacher Franz Josef Degenhardt - wurde ausgiebig diskutiert, welche Sabotageakte an welchen amerikanischen Militäreinrichtungen sich mit dem Material bewerkstelligen ließen. Zum Glück für alle Beteiligten und vor allem für das Baby verschwand der Sprengstoff dann spurlos.
Lesen Sie auf Seite 2, was beim Attentat auf Rudi Dutschke passierte.
|
ANZEIGE

Mr. Wong
Delicious
Digg
Yigg
Technorati
Google
MySpace
Facebook
Webnews




















