Von Wolfgang Koydl

Auf rätselhafte Weise entkam einer der meistgesuchten Terrorverdächtigen Großbritanniens aus einem pakistanischen Gefängnis.

Rashid Rauf; getty images

Rashid Raufs Flucht versetzt die britischen Behörden in Sorge Foto: getty images

Er war einer der meistgesuchten Männer Großbritanniens, und seit mehr als einem Jahr saß er in einem der sichersten Gefängnisse Pakistans ein. Doch am Samstag ist Rashid Rauf die Flucht aus dem Polizeigewahrsam gelungen, indem er auf ungeklärte Weise seine Handschellen abstreifte und aus dem Streifenwagen sprang, der ihn zurück in seine Zelle bringen sollte.

Nun fragen sich Beobachter in Islamabad und London, ob diese Flucht der Auftakt für eine Verschlechterung der Anti-Terror-Zusammenarbeit zwischen Briten und Pakistanern ist oder lediglich das perfekt inszenierte Vorspiel für eine Ermordung Raufs durch pakistanische Sicherheitskräfte.

Der 26-jährige britische Staatsbürger war im August vergangenen Jahres in Pakistan unter Terrorverdacht verhaftet worden. Die dortigen Behörden hatten einen Hinweis des britischen Geheimdienstes bekommen, wonach Rauf in die Vorbereitungen eines vom Terrornetzwerk al-Qaida geplanten Anschlages verwickelt gewesen sein sollte, der die Angriffe auf New York und Washington 2001 in den Schatten gestellt hätte.

Nach den Erkenntnissen der britischen Ermittler planten Rauf und seine Mitverschwörer die Entführung von zehn Flugzeugen auf Transatlantikflügen. Alle Maschinen sollten zeitgleich in der Luft gesprengt werden. Die Aufdeckung des Planes zog viele Verhaftungen und eine drastische Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen auf Flughäfen in den USA und Großbritannien nach sich.

Seit der Festnahme bemühte sich Großbritannien um die Auslieferung Raufs. Auch die USA waren so sehr an ihm interessiert, dass sie ihn bereits vor seiner Festnahme in Pakistan entführen lassen wollten. Davon wurden sie von London abgebracht.

Die britischen Auslieferungsbemühungen wurden verstärkt, als sich abzuzeichnen begann, dass die pakistanischen Behörden keine Beweise in den Händen hielten, die seine weitere Inhaftierung gerechtfertigt hätten. Im November wurde die Anklage gegen ihn fallengelassen. Er befand sich nur noch in Gewahrsam, um eine Entscheidung über seine Auslieferung nach Großbritannien abzuwarten, wo er im Zusammenhang mit dem Mord an einem Onkel Raufs in Birmingham 2002 gesucht wird.

In London fragt man sich, ob Rauf mit Hilfe pakistanischer Staatsorgane flüchtete. Die beiden Polizisten, denen er entschlüpfte, wurden wegen Pflichtverletzung hinter Schloss und Riegel gesetzt. "Wir wissen nicht, wie er entkam, wir wissen nur, dass er entkam", sagte ein Polizeisprecher in Rawalpindi.

Aber selbst wenn sich eine Mitwisserschaft etwa pakistanischer Sicherheitsdienste erweisen würde, ist noch nicht klar, was dies bedeutet. Entweder wollte man ihm tatsächlich zur Freiheit verhelfen. Dann würde dies das Verhältnis zwischen Pakistan auf der einen und London und Washington auf der anderen Seite nachhaltig belasten.

Andere Beobachter halten jedoch ein zweites Szenario für wahrscheinlicher: Demnach wurde Rauf die Flucht ermöglicht, damit er bei einem erneuten Festnahmeversuch erschossen werden kann. Solche "encounter killings" hat es in der Vergangenheit in Pakistan schon öfter gegeben.

(SZ vom 17.12.2007/beu)