In dem Haus, das Eric Fain angerufen hat, wohnt tatsächlich ein Eric, er trägt nur einen anderen Nachnamen und wohnt dort mit seinen Eltern. Offenbar ist die Realität tatsächlich so banal: Ein CIA-Entführer hat sich verraten, weil er Sehnsucht nach Vater und Mutter hatte.
Der echte Eric ist wie der falsche 1971 geboren. Er hat länger in Ohio gelebt, zog später nach Florida und bekam vor wenigen Jahren eine Pilotenlizenz für die Boeing 737. Gemeinsam mit einer Frau, die in seiner Nähe wohnt, besitzt er ein schneidiges Sportboot. Auch diese Frau hat er damals von Ibiza aus angerufen.
Diskretion war in den wilden Zeiten der Terrorjagd kein Anliegen mit hoher Priorität, eher schon Komfort und Klasse. Die Entführer waren keine akribischen Agenten, die jahrelang auf der ganzen Welt einer wirklich wichtigen Person nachstellten, so wie es der Mossad tat, bis er den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufgespürt hatte. Stattdessen lebten die Jäger islamistischer Terroristen (und vieler Randfiguren) in Saus und Braus.
Auch bei der Entführung von Imam Abu Omar in Mailand wählten die Amerikaner nur beste Adressen, in Mailand etwa das "Principe di Savoia" oder das Hilton für 280 Dollar die Nacht. In sechs Wochen zahlte allein die Agentin Monica Adler mehr als 10000 Dollar für Hotels. Am 1. Februar 2003, auch das fanden die Italiener heraus, teilte sie sich in La Spezia ein Zimmer mit einem Kollegen. Der entführte Imam übrigens wurde in Ägypten misshandelt, seine Familie in Italien weiß bis heute nicht, ob er noch am Leben ist.
Über Motive oder mögliche Gewissenskonflikte der Täter lässt sich nur spekulieren. Die Piloten jedenfalls machten sich wenige Gedanken. "Wir sind die Busfahrer im Krieg gegen den Terror. Ich hab nicht geschaut, wer hinten drin saß", sagte ein ehemaliger Pilot der New York Times. Allem Anschein nach wussten sie genau, für wen sie arbeiteten. Nur formal waren sie Angestellte einer Firma namens Aero Contractors. Das Firmengebäude steht am Waldrand auf dem Gelände des Mini-Flughafens Johnston County Municipal Airport. In nicht allzu großer Entfernung liegt Fains Haus.
Ein früherer Angestellter von Aero Contractors hat erzählt, er habe sich auf eine Stellenanzeige der CIA hin gemeldet. Nach einem Lügendetektortest habe er in der CIA-Zentrale in Langley eine neue Identität erhalten. Als er den Arbeitsvertrag bei Aero Contractors unterschrieb, habe er Verschwiegenheit zusichern müssen. So schildert er es in dem Buch "Das Schattenreich der CIA", das Stephen Grey jetzt veröffentlicht hat.
Der Pilot berichtet, dass er ohne weiteres bei örtlichen Behörden einen neuen Führerschein mit Tarnnamen erhalten habe, ebenso Kreditkarte oder Pilotenlizenz. Es gilt als sicher, dass Aero Contractors eine reine CIA-Filiale war.
Die Piloten, die an der Entführung des Deutschen el-Masri beteiligt waren, leben offenbar alle in Fains Umgebung. Dies sind zum Beispiel der Kapitän James Fairing und der Pilot Kirk James Bird. Zu einem Entführerteam gehören meist vier Piloten und ein Arzt. Die Kidnapper reden kaum mit ihren Opfern. Nur aus einem Fall ist überliefert, dass die Amerikaner so etwas wie Mitleid gezeigt haben.
Als Masris Entführer am 22. Januar 2004 einen Mann aus Großbritannien von Marokko nach Afghanistan brachten, soll eine Frau gesagt haben: "Oh mein Gott, seht euch das an!" Dann zeigte sie auf die Spuren von Rasierklingen in seiner Haut. In den Augen der maskierten CIA-Leute habe er "Schrecken und Entsetzen" gesehen, erzählte der Mann später in Guantanamo.
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