Grausam, dubios, dilettantisch: Wie Kidnapper-Kommandos der CIA zwischen Kabul und Cocktail-Bars pendelten - und dabei Spuren hinterließen, die nun zu Anklagen führen könnten.
Zur Erholung stiegen die CIA-Jäger in Luxushotels wie das Marriott Son Antem in Mallorca ab. Foto: Marriott
Eric Fain steigt in seinen wuchtigen, schwarzen Pick-up-Truck mit acht Zylindern. Er lässt sein weißes Einfamilienhaus hinter sich und die kleine Ortschaft, in der er lebt.
Auf dem Highway 70 braust er durch die Felder North Carolinas, durch silbrig glänzende Baumwollfelder und Tabakplantagen. Hier im Süden der USA ist das Rauchen noch erlaubt, in Restaurants und Bars, selbst am Provinzflughafen Kinston, wo Fain sein Auto parkt.
Der "Kinston Regional Jetport" wirbt mit seiner langen Startbahn, lang genug für die Boeing 737, die jetzt aus einem Hangar rollt. Hier lässt der Pilot Eric Fain die Beschaulichkeit der Südstaaten hinter sich und stößt zu den Frontlinien dessen vor, was die US-Regierung den globalen Krieg gegen den Terror nennt.
Eine dieser Dienstreisen Eric Fains beginnt im Januar 2004 und führt bis nach Afghanistan. Seine Boeing Business Jet ist für Geschäftsleute ausgelegt. Wo im Linienbetrieb Platz wäre für mehr als hundert Passagiere, bietet dieses Modell Betten, Dusche oder Konferenzraum. Fain hat meist nur ein Dutzend Amerikaner an Bord, CIA-Experten für "Überstellungen" - Kidnapper also. Sie reisen durch eine sonderbare Welt, in der sie Entführungskommandos bilden und schon wenig später in exotische Golfhotels einchecken.
Lange sind sie der Jetset der Terrorabwehr gewesen, doch jetzt sind sie selbst Gejagte: Europas Staatsanwälte verfolgen die Spuren, die die Agenten bei ihren so protzigen wie skrupellosen Abenteuern hinterlassen haben.
Fains Boeing kommt am Abend des 23.Januar 2004 auf dem Rollfeld im winterlichen Skopje zum Stehen. Hier in der mazedonischen Hauptstadt zwingen die Amerikaner einen Mann in die Maschine. Er ist kräftig und hat dunkle Haut. Er ist gefesselt, seine Augen sind verbunden. Die Agenten binden ihn am Boden fest, betäuben ihn mit einer Spritze. Nach Mitternacht startet die Maschine und nimmt Kurs Richtung Osten, geht in Bagdad runter und landet schließlich in der afghanischen Hauptstadt Kabul.
Der blinde Passagier aus Skopje wird wieder ausgeladen - wie Luftfracht. Er weiß weder, wo er ist, noch ahnt er, dass er mehrere Monate in einem Verhörgefängnis vor sich hat. Es ist Khaled el-Masri, ein unschuldiger Deutsch-Libanese aus Neu-Ulm, den die CIA verdächtig findet.
Nach dem 11. September 2001 machte die Regierung von George W. Bush die Überstellungen ("renditions") zu einer der wichtigsten Waffen im globalen Kampf gegen den Terror. Die CIA schaffte echte und vermeintliche Feinde Amerikas von einem Verlies ins andere, als gäbe es weder Grenzen noch Gesetze. Manche Verdächtige schnappte die Agency selbst, andere verlegte sie nur in die Folterkeller von Marokko oder Ägypten.
Das ursprünglich geheime Programm ist längst kein Geheimnis mehr. Beinahe lückenlos ist mittlerweile belegt, wo die Boeing 737 überall gewesen ist. Selbst die Namen der Entführer wurden ermittelt, Eric Fain zum Beispiel. Und obwohl dies ein Tarnname ist, haben Staatsanwälte und Journalisten dessen wahre Identität herausgefunden. In dieser Woche sind deutsche Ermittler nach Madrid gereist, um Belastungsmaterial gegen die Kidnapper el-Masris zu sichten. Bald könnte die Staatsanwaltschaft München Haftbefehle beantragen gegen die Greifer aus Amerika.
Lange haben die sich so auffällig benommen, als seien sie unverwundbar. Der Pilot Eric Fain etwa machte einen verhängnisvollen Fehler. Es passierte, nachdem die Boeing während einer langen Rundreise auf Ibiza aufgesetzt hatte. Fliegen für Air CIA war aufreibend, manche Tage begannen morgens um vier Uhr in Rabat, dann Kabul, von dort nach Algier.
Wenn mal für eine Nacht oder ein paar Tage Pause war, quartierten sich die Entführer in Luxushotels ein wie dem "Marriott Son Antem Golf Resort & Spa" auf Mallorca oder dem "Royal Plaza" auf Ibiza. Die Balearen waren ein gediegenes Basislager, zentral gelegen zwischen Nordafrika, Europa und dem Mittleren Osten, im Schutz der massentouristischen Anonymität.
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