Von Nico Fried

Theoretisch hat Horst Köhler in der Bundesversammlung eine knappe Mehrheit - doch Überraschungen sind möglich. So könnte mancher Abgeordnete seiner Parteispitze eins auswischen wollen.

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Bundespräsident Horst Köhler (ganz links)unterhält sich zu Beginn des Gottesdienstes in der Hedwigskathedrale in Berlin, der der Wahl vorausgeht, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, rechts) Foto: dpa

Wenn alle 1224 Delegierten der Bundesversammlung an diesem Samstag im ersten Durchgang so wählen, wie es ihre Parteiführungen erwarten, dann hat Bundespräsident Horst Köhler auf Anhieb eine Mehrheit. So einfach ist die Sache theoretisch. Die Wirklichkeit ist deutlich komplizierter.

Die Bundesversammlung besteht aus 612 Bundestagsabgeordneten und nochmal derselben Zahl an Delegierten, die von den 16 Länderparlamenten entsandt werden - und zwar sowohl entsprechend des Proporzes der Bevölkerungszahlen, wie auch der parteipolitischen Zusammensetzung des jeweiligen Landesparlaments.

Die SZ-Grafik zeigt, wie knapp es bei der Bundespräsidentenwahl für Horst Köhler werden kann. Grafik: SZ

Die meisten Delegierten kommen aus Nordrhein-Westfalen (131), die wenigsten aus Bremen (5). Bayern schickt 93 Delegierte. Die erforderliche absolute Mehrheit liegt im ersten und zweiten Wahlgang bei 613 Stimmen. CDU/CSU (497), FDP (107) und Freie Wähler (10), die Köhler erklärtermaßen unterstützen, verfügen zusammen über 614 Stimmen. Stimmt sonst niemand für Köhler, kann einer oder eine aus den selbsternannten bürgerlichen Reihen ausfallen, umfallen, wegfallen. Mehr nicht.

Werden die Freien Wähler geschlossen für Köhler stimmen?

Genau da beginnen die Fragen: Verspürt mancher CDU-Abgeordnete das Bedürfnis, seiner Kanzlerin und Parteichefin Angela Merkel eins auszuwischen und sie mit einer fehlenden Mehrheit für Köhler als führungsschwach erscheinen zu lassen? Werden die Freien Wähler geschlossen für Köhler stimmen? Und wenn ja, wählt vielleicht mancher CSU-Mann erstmal nicht Köhler, um hinterher die Freien Wähler zu bezichtigen, sie hätten ihr im bayerischen Landtagswahlkampf gegebenes Wort gebrochen?

Die Motive, nicht zu tun, was erwartet wird, können vielschichtig sein, manchmal irrational. Hinzu kommt, dass nicht alle von den Parteien nominierten Wahlfrauen und -männer politische Gefolgsleute sind, sondern ihren eigenen Vorstellungen folgen. Der Fall der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ist da legendär, die 2004 von der CSU nominiert wurde, aber statt Köhler lieber Gesine Schwan wählte und dies später auch freimütig erzählte. Um so etwas zu verhindern, ist nicht nur die Fürstin nicht mehr eingeladen worden, die Union hat insgesamt auf die Berufung von allzu viel parteiferner Prominenz verzichtet.

Denkbar ist natürlich umgekehrt, dass einzelne Delegierte von SPD, Grünen und Linken Köhler auf Anhieb zu einer Mehrheit verhelfen. Abstimmen werden auch zwei fraktionslose Bundestagsabgeordnete, von denen sich das frühere CDU-Mitglied Henry Nitzsche bereits zu Köhler bekannt hat. Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) schickt eine Abgeordnete, die die dortige SPD nominiert hat. Die rechtsradikalen Parteien mit vier Delegierten schicken zunächst einen eigenen Kandidaten ins Rennen. Von ihrer Gunst möchte indes keiner der drei anderen Kandidaten abhängig sein.

Im zweiten Wahlgang wäre noch einmal die absolute Mehrheit erforderlich. Im dritten genügte die relative Mehrheit. Von Wahlgang zu Wahlgang dürften die Chancen von Gesine Schwan steigen, wenn die Linke ihren Kandidaten Peter Sodann zurückzieht und ihre Delegierten mit allen Sozialdemokraten und Grünen sowie einigen Renegaten aus dem bürgerlichen Lager zusammen stimmen.

(SZ vom 23.05.2009/jab)