Bomben an Brüssel
Kommentar
06.01.2004, 17:21
(SZ vom 7.1.2004) - „Brüssel’‘ gilt als seelenloser Apparat voller Beamter und Bleistifte. Zwar merkt mancher, wie europäische Entscheidungen immer häufiger sein Leben bestimmen und nationale Regierungen an Bedeutung verlieren.
Doch das reichte bisher nicht aus, um Brüsseler Akteure zum Objekt von emotionaler Anteilnahme, Bewunderung oder gar Hass zu machen.
Eine Gruppe italienischer Anarchisten hat dies schlagartig verändert. Im Visier ihres Massenangriffs sind nicht nur bekannte Figuren wie Kommissionspräsident Romano Prodi oder Zentralbankchef Jean-Claude Trichet.
Viele werden nun erstmals registrieren, dass das einflussreiche Amt des konservativen Fraktionschefs im Europaparlament von einem Deutschen besetzt ist. Für Brüsseler Kommissare und Abgeordnete ist es bitter, dass ihre Existenz erst durch Briefbomben bekannt wird. Bisher konnten sie frei von all den Ängsten agieren, die nationale Politiker schon lange umtreiben. Künftig müssen sie mit Anschlägen rechnen und lernen, dass es keine völlige Sicherheit geben kann.
Italienische Anarchisten, die europäische Politiker und Beamte bedrohen – das ist wieder eine neue Dimension im internationalen Terrorismus. Der Täterkreis mag unbedeutend sein und womöglich geringe Gefolgschaft haben, aber er hat eine große Schlagkraft und wirkt grenzüberschreitend – auf diese Form der Globalisierung hat die Welt auch zwei Jahre nach dem 11. September noch keine Antwort gefunden. aha
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