Ein Kommentar von Reymer Klüver

Der amerikanische Wahlkampf läuft wie befürchtet: Die Hautfarbe kostet den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama Stimmen.

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Seine Aura droht sich auszulösen: Barak Obama, US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten Foto: AP

Die Amerikaner stehen vor einer historischen Entscheidung. Sie können im November bei der Präsidentschaftswahl einen großen Schnitt machen und eine dunkle Zeit in ihrer jüngsten Geschichte hinter sich lassen. Sie haben die Wahl, ob sie den unsinnigen Krieg im Irak weiterführen oder beenden wollen.

Sie haben die Wahl, ob sie den Reichen im Land weiterhin Steuergeschenke machen wollen oder die unverschämte Umverteilung der Bush-Jahre beenden wollen. Sie haben die Wahl, ob sie endlich eine Krankenversicherung für alle einführen wollen oder Millionen Unversicherte ihrem Schicksal überlassen.

Doch die Amerikaner sind gerade dabei, diese großen Themen aus den Augen zu verlieren. Stattdessen erlangen Nebensächlichkeiten ein Gewicht, das ihnen nicht zukommt, erhalten vermeintliche persönliche Schwächen eine Dimension, die sie nicht verdienen. Das bekommt vor allem Barack Obama zu spüren. Es läuft die Entzauberung des einstweiligen Traumkandidaten der Demokraten.

Seine Bemerkungen über die Verbitterung von Wählern, die vom ökonomischen Abstieg bedroht sind, wurden von seiner demokratischen Konkurrentin Hillary Clinton gnadenlos ausgeschlachtet. Er wurde zum abgehobenen Intellektuellen gestempelt, der von den wahren Nöten der Menschen keine Ahnung habe. Das hat ihn viel Sympathien gekostet, obwohl er nur die Wahrheit gesagt hat.

Und nun der selbstverliebte, skurrile Auftritt seines früheren Pastors und danach ein stotternder Kandidat, der nicht recht erklären kann, warum er fast zwei Jahrzehnte einem offenkundigen Hassprediger die Treue gehalten hat: Jeremiah Wright verkörpert das Gegenteil von Obamas politischer Botschaft. Der wilde Pastor ist ein Polarisierer und kein Versöhner, er reißt Brücken ein, anstatt sie zu errichten. Er sucht den Streit und nicht den Ausgleich.

Obamas Aura droht sich vor aller Augen aufzulösen. Der Künder eines Neuanfangs in der amerikanischen Politik wird zusehends ein Kandidat wie jeder andere. Der Hoffnungsmann der Demokraten, der alles anders machen wollte, schrumpft auf einmal zu einem Politiker, der letztlich nicht anders ist als alle anderen auch.

Das ist nicht gut für Obama, das ist nicht gut für die Demokraten, das ist nicht gut für Amerika. Denn Obama wird der Kandidat der Demokraten sein. Ihm ist die Nominierung kaum mehr zu nehmen. Er wird seinen knappen Vorsprung bis zum Wahlparteitag der Demokraten halten.

Nur die Superdelegierten, die Granden der Partei, könnten noch verhindern, dass er der Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird, indem sie massenhaft zu Clinton schwenken. Das werden sie nicht tun. Denn sie fürchten die Konsequenzen. Die Schwarzen und die vielen, hochmotivierten Anhänger Obamas quer durch Amerika würden es so sehen, dass die Partei Obama die Nominierung raubt. Die Demokraten würden sich spalten.

Weiter geschwächt ins eigentliche Rennen gegen den Kandidaten der Republikaner zu gehen, kann Obama sich nicht leisten. Denn die jüngsten Ergebnisse im Ringen mit Clinton und alle Umfragen zeigen, dass seine Hautfarbe ihn sehr wohl Stimmen kosten wird. Wer das leugnet, verschließt die Augen vor der Realität. Der Rassismus in Amerika ist nicht verschwunden.

Aber Obama kann dazu beitragen, ihn zu überwinden. Er muss die Amerikaner daran erinnern, vor welcher Entscheidung sie stehen und dass nur er einen Neuanfang für Amerika verkörpert. John McCain, der Kandidat der Republikaner, hat sich zuletzt immer mehr als Mann des Weiter-so positioniert. Er will die Politik der Bush-Jahre im Wesentlichen fortsetzen. Schärfer könnte der Kontrast zu den Demokraten also nicht sein. Das muss das Thema im Wahlkampf werden - und nicht die persönliche Herkunft der Kandidaten.

(SZ vom 02.05.2008/aho)