55 Jahre nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR wollen Politiker dem 17. Juni wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Bundestagsvizepräsident Thierse will sogar einen Platz in der Hauptstadt nach diesem Tag benennen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in ihrer Erklärung zum 55. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR den Mut der Widerständler gewürdigt, "auch persönlich Risiken einzugehen“. Die Erinnerung an diese Männer und Frauen müsse wachgehalten werden, mahnte die Kanzlerin. Sie betonte, 1989 sei gelungen, was 1953 noch nicht möglich gewesen sei. "Wenn wir das brutale Ende des Aufstands von 1953 vor Augen haben, können wir ermessen, wie viel Mut die Menschen aufbrachten, die 1989 in der DDR für ein freies und geeintes Deutschland auf die Straße gingen“, unterstrich die Kanzlerin, die in der DDR aufgewachsen war.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit würdigte den 17. Juni 1953 als wichtigen Tag in der Freiheitsgeschichte Deutschlands. Der Aufstand stehe für die Sehnsucht der Menschen in der DDR nach Freiheit, sagte der SPD-Politiker bei der traditionellen Gedenkveranstaltung in Berlin. Der Gedenktag erinnere an die Werte, "die das Fundament unseres Staates sind", sagte Wowereit.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung nannte den 17. Juni einen "Aufstand für Einigkeit und Recht und Freiheit". Es könne zu Recht von einem Aufstand des Volkes gesprochen werden, sagte der CDU-Politiker bei der Kranzniederlegung. In rund 700 Städten und Gemeinden der DDR seien damals eine Million Menschen auf die Straße gegangen, Arbeiter genauso wie Verwaltungsangestellte und Akademiker.

Jung: Der Jahrestag darf nicht zu einem Pflichttermin werden

Beide Politiker forderten, die Erinnerung an den 17. Juni 1953 wach zu halten. "Der Jahrestag darf nicht zu einem Pflichttermin werden", sagte Jung. Der 17. Juni 1953 mache "unmissverständlich deutlich, was die DDR wirklich war: eine Diktatur und ein Unrechtsstaat", erklärte der CDU-Politiker.

Wowereit mahnte, die Erinnerung an kommende Generationen weiterzugegeben. "Denn nur wer sich erinnert und sich die Geschichte bewusstmacht, ist gefeit gegen einen Rückfall in antidemokratisches Denken und Handeln", sagte der Regierende Bürgermeister.

An der Gedenkveranstaltung nahmen auch Vertreter der Opferverbände, des Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses teil.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sprach sich dafür aus, in Berlin einen Platz nach dem historischen Datum zu benennen. "Das Datum dürfen wir nicht aus unserem Gedächtnis löschen", sagte der SPD-Politiker. Es sei "sinnvoll, dieses Gedenken auch zu lokalisieren".

Gedenkverbände fordern, den Platz vor dem heutigen Bundesfinanzministerium in "Platz des 17. Juni" umzubenennen. Dort, vor dem damaligen "Haus der Ministerien“, hatten die Demonstrationen begonnen. Im früheren Westteil der Stadt, hinter dem Brandenburger Tor, gibt es bereits eine "Straße des 17. Juni".
Die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer unterstützten die Idee, bundesweit Plätze nach diesem historischen Datum zu benennen.

In Dresden wurde ein neues Mahnmal für die Opfer des 17. Juni enthüllt. Es besteht aus einer 5,70 Meter langen Kette eines russischen T34-Panzers, wie sie bei der Niederschlagung des Aufstandes zum Einsatz gekommen waren. Auf dem Dresdner Postplatz hatten am 17. Juni 1953 rund zehntausend Menschen demonstriert.

Meckel rügt erschreckende Unkenntnis

Der ostdeutsche SPD-Politiker Markus Meckel sagte, es sei erschreckend, wieviele Deutsche nicht wissen, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschehen sei. Er kritisierte, dass in der Schule zu wenig über den Volksaufstand informiert werde. "Allzu oft fällt der Unterricht über die DDR-Zeit und damit über die zweite deutsche Diktatur, faktisch weg“, sagte Meckel.

Der Aufstand am 17. Juni 1953 hatte sich an den von der SED
durchgesetzten drastischen Normenerhöhungen für Arbeiter entzündet.
Bereits am Vorabend war es in Ost-Berlin zu ersten Arbeitsniederlegungen gekommen. Am nächsten Tag breitete sich der Protest über die ganze DDR aus.

Aus zunächst rein wirtschaftlichen Forderungen wurden schnell politische Parolen wie "Nieder mit der Regierung“ und "Freie Wahlen“. Die SED-Führung ließ den Aufstand durch die Volkspolizei und sowjetische Panzer niederschlagen. Mehr als hundert Menschen kamen dabei ums Leben.

Aus Angst vor einem Dritten Weltkrieg griffen die Westmächte nicht ein - entgegen den Erwartungen vieler Menschen in Ost und West. Die Aufstände wurden in der DDR-Propaganda anschließend als "konterrevolutionärer Putsch“ bezeichnet und später totgeschwiegen. In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni von 1954 an als "Tag der deutschen Einheit" begangen. An seine Stelle trat 1991 der 3. Oktober, der Tag der Wiedervereinigung 1990.

(dpa/AP/AFP/ddp/dafü/bosw)