David Kellys Vermächtnis

    Kommentar

    20.07.2003, 17:49

    Gerd Zitzelsberger

    Ein Vermächtnis hat der britische Waffenkontrolleur David Kelly auch ohne Abschiedsbrief hinterlassen: Tony Blairs Dossier vom vergangenen September zu den angeblichen irakischen ABC-Waffen hat mit größter Wahrscheinlichkeit in einem Punkt die Öffentlichkeit vorsätzlich und planvoll falsch informiert.

    Es wäre, so hat Kelly vor dem Parlamentsausschuss bekräftigt, für Bagdad einfach technisch kaum möglich gewesen, ABC-Waffen innerhalb von 45 Minuten fertig zum Abschuss zu machen. Dies wussten viele Fachleute, nicht nur Kelly.

    Die 45-Minuten-Frist ist ein kleiner Mosaik-Stein unter all den „Informationen“ und Maßnahmen, mit denen die britische Regierung die eigene Bevölkerung und die Welt auf den Krieg eingestimmt hatte. Das ganze Dossier vom September liest sich aus heutiger Sicht, als stamme es aus einer anderen Welt. Und unvergessen ist auch, wie die Regierung Panzer rund um den Flughafen Heathrow hatte auffahren lassen. Terroristen lassen sich damit nicht fangen, aber die Panzer bewirkten, dass viele Briten sich plötzlich bedroht vom Irak fühlten.

    Es kommt auch gar nicht darauf an, ob Blairs Vertrauter und Pressechef Alastair Campbell anordnete, das ABC-Waffen-Dossier „sexier“ zu machen, ob die britischen Geheimdienste von sich aus unseriös waren oder ob der Krieg aus anderen Gründen gerechtfertigt war.

    Die Frage ist vielmehr, wie weit eine Regierung, die Krieg führen will, gehen darf, um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Und von wann an sie sich den Vorwurf der Kriegstreiberei gefallen lassen muss. Von eben diesem Thema wollte das britische Verteidigungsministerium ablenken, als es versuchte, Kelly quasi als Blendgranate einzusetzen.

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