Aber wenn das Haus eines Nachbarn Feuer fängt, dann ziehen wir an einem Strang, um den Brand zu löschen. Die Geschichte zeigt, dass es manchmal eines Notfalls bedarf, damit wir enger zusammenstehen. Wenn das 50-jährige Europa an einer Midlife-Krise leidet, dann würde ich als notorischer Nabelbeschauer hiervon, außer zum Liederschreiben, abraten. Nur in der Hilfe für den Nächsten entdecken wir uns selbst.

Heute stehen viele Zimmer im Haus unseres Nachbarn - Afrika - in Flammen. Vom Völkermord in Darfur bis zu den Sterbelagern in Kigali, wo sechs Aidspatienten auf einer einzigen Liege gestapelt werden; vom Kind, das an Malaria stirbt bis zum Dorf ohne sauberes Wasser; all diese Zustände sind ein Affront gegen alle Werte, die wir Europäer je als geeignet erachtet haben, um in ein Dokument geschrieben zu werden.

Wir haben in Somalia und im Sudan gesehen, was passiert, wenn militante Kräfte die Lücken füllen und Unruhe unter der großteils pro-westlichen und moderaten muslimischen Bevölkerung in Afrika stiften. Ob wir nun dafür moralische oder strategischen Gründe haben, es wäre jedenfalls eine Dummheit, dieses Feuer wüten zu lassen.

Vom Papst bis Grönemeyer

Aber wie wird die Antwort Europas aussehen? Trotz der Kakophonie, trotz des babylonischen Stimmengewirrs und der aufeinanderprallenden Ideen gibt es mehr Harmonie als man denken könnte.

Von Papst Benedikt bis zu Herbert Grönemeyer gibt es eine wachsende Bewegung von Menschen, die glauben, dass wir viel mehr tun können und müssen, um den Ärmsten der Armen in Afrika zu helfen. Die Aktion ,,Deine Stimme gegen Armut‘‘ führt diesen Kampf an - an Straßenecken, in Kirchen, in Schulen, in Sitzungssälen.

An diesem Wochenende richten sich die Augen der Welt auf Deutschland, wenn Berlin Menschen aus dem gesamten Kontinent willkommen heißt, um Europas fünfzigsten Geburtstag zu feiern. Es erscheint passend, dass Kanzlerin Angela Merkel, Finanzminister Peer Steinbrück und das Kabinett am Tag zuvor über den Haushalt beraten und festlegen, wie Deutschland sein historisches Versprechen, Afrika zu helfen, einhalten wird.

Bono

Bono, Sänger der irischen Rockband U2 und engagierter Kämpfer für die Länder der Dritten Welt Foto: AP

Deutschlands Einsatz für die Ärmsten der Armen - 0,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts bis 2010, 0,7 Prozent bis 2015 - ist heroisch, vor allem wenn man bedenkt, dass die Wiedervereinigung immer noch mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands kostet.

Wie der Haushalt aussehen wird und ob Europa als Ganzes seine Versprechen halten wird, das ist gleichermaßen wichtig für unseren Kontinent wie für Afrika. Zugleich muss das Übel der Korruption noch stärker bekämpft werden, um das Feuer einzudämmen.

Wir können uns vielleicht daran erinnern, dass sich Europa vor 50 Jahren nicht aus eigenen Kräften aus dem Abgrund gezerrt hat. Auf der anderen Seite des Atlantiks gab es ein Land namens USA mit einer sehr großzügigen Interpretation des Begriffs "Nachbar".

Sicher, der Marshallplan, der half, Europa wieder aufzubauen, war nicht purer Altruismus. Die USA wollten, als die Beziehungen frostig wurden, ein Bollwerk gegen die sowjetische Expansion aufbauen.

Aber er war zugleich auch ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges Ausmaß von Großmut. Er war für Europa und speziell für Deutschland ein Rettungsanker in der Stunde der Not, und er bestimmte die Rolle Amerikas in der Ära des Kalten Krieges.

Was wird die Rolle Europas in diesem neuen Jahrhundert, in der Ära der heißen Kriege, sein? Was wird für das Bollwerk gegen den Extremismus unseres Zeitalters sorgen? Ein Teil der Antwort liegt nur 13 Kilometer entfernt.

Bono, 46, geboren als Paul David Hewson, ist der Sänger der irischen Rockband U2. Er engagiert sich seit Jahren für Länder der Dritten Welt, insbesondere für Afrika und die Aids-Bekämpfung.

(SZ vom 23.03.2007)

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