"Sammelsurium der Grausamkeiten"

    Geplantes BKA-Gesetz

    19.04.2008, 08:58

    Gegen die geplante Videoüberwachung regt sich Widerstand in der Opposition - aber auch innerhalb der Koalition. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, sagt SPD-Rechtsexperte Benneter.

    SPD-Rechtsexperte Klaus Uwe Benneter spricht von einem "Sammelsurium der Grausamkeiten". (Foto: AP)

    Gegen den Regierungsentwurf des neuen Gesetzes für das Bundeskriminalamt (BKA) regt sich Widerstand - auch aus der Koalition.

    SPD-Rechtsexperte Klaus Uwe Benneter zeigte sich geschockt von dem "Sammelsurium der Grausamkeiten aus allen Länder-Polizeigesetzen". Der Frankfurter Rundschau sagte er: "Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

    Aus den Reihen der Union meldete die ehemalige Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld Bedenken an. Die der CDU angehörende DDR-Bürgerrechtlerin warnte in der in Erfurt erscheinenden Thüringer Allgemeinen "vor einem Prozess der schleichenden Übernahme von DDR-Methoden durch den Rechtsstaat."

    Ähnlich harsche Kritik an dem Regierungsentwurf übte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast: "Was hier an Maßnahmen beschlossen werden soll, erinnert an Systeme, die keine Rechtsstaaten sind." sagte der Berliner Zeitung.

    Wenn nun selbst eine SPD-Justizministerin dem Sicherheitswahn der Union nicht mehr Einhalt gebieten könne, müsse man sich um die Bürgerrechte sorgen. Sie forderte, dass der Gesetzentwurf den Bundestag nicht passieren dürfe.

    James Bond und Polizeiarbeit

    Der FDP-Innenexperte Max Stadler kritisierte in der Frankfurter Rundschau den geplanten Einsatz versteckter Kameras als "verfassungsrechtlich viel zu
    bedenklich". Es bestehe noch ein Unterschied zwischen James-Bond-Filmen im Kino und der Polizeiarbeit im Rechtstaat, sagte Stadler.

    Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) verteidigte die vorgesehene Videoüberwachung privater Wohnungen. "Wir haben uns die Regelung im BKA-Gesetz sehr sorgfältig angesehen, verfassungsrechtlich ist sie nicht zu beanstanden", sagte Zypries der Welt am Sonntag. "Außerdem haben wir dafür gesorgt, dass die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung penibel eingehalten werden."

    Unterstützung erhielt Zypries vom Innenexperten der SPD-Fraktion, Dieter Wiefelspütz. "Ich persönlich rechne damit, dass die Koalitionsfraktionen den Gesetzentwurf mit großer Mehrheit verabschieden", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger.

    In der Braunschweiger Zeitung erläuterte er: "Wir haben bei dem BKA-Gesetz fast ausschließlich das abgebildet, was es in den Landespolizeigesetzen schon gibt. Deshalb gibt es auch mit dem Spähangriff keine verfassungsrechtlichen Probleme - das ist längst ausdiskutiert, die Maßnahme ist verfassungskonform."

    Die Videoüberwachung von Wohnungen ist Teil eines Gesetzentwurfs zur Ausweitung der Kompetenzen des Bundeskriminalamts, auf den sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) am Dienstag geeinigt hatten. Die Maßnahmen richten sich dem Entwurf zufolge nicht nur gegen den Wohnungsinhaber, sondern auch "gegen Kontakt- und Begleitpersonen".

    Weitere Gesetzesverschärfung geplant

    Zuvor hatten sich auch schon andere SPD-Politiker skeptisch über die Videoüberwachung geäußert, etwa der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy, und Berlins Innensenator Ehrhart Körting.

    Unterdessen berichtet die Bild am Sonntag vorab, dass die Bundesregierung eine weitere Verschärfung der Sicherheitsgesetze plane. Dabei solle die Vorbereitung von Terroranschlägen künftig mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden können. Ein entsprechender Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sei innerhalb der Bundesregierung bereits abgestimmt und solle am Montag den Bundesländern zugeleitet werden.

    Mit bis zu drei Jahren Gefängnis solle künftig bestraft werden, wer Anleitungen zum Bombenbau ins Internet stelle oder solche Anleitungen aus dem Internet herunterlade. Zudem plane die Regierung, das Aufenthaltsrecht zu verschärfen. Extremisten, bei denen Anhaltspunkte für die Vorbereitung schwerer Gewalttaten vorlägen, sollten ausgewiesen beziehungsweise an der Grenze zurückgewiesen werden können.

    (AFP/AP/dpa/Reuters/gal)

    ANZEIGE

    mehr ...


    Themen

    Weitere Artikel in Politik

    Leserkommentare (1)



    22.04.2008 11:25:24

    Dieter_Wondrazil: Das sind Merkmale totalitärer Systeme!

    "Mit bis zu drei Jahren Gefängnis solle künftig bestraft werden, wer Anleitungen zum Bombenbau ins Internet stelle oder solche Anleitungen aus dem Internet herunterlade. Zudem plane die Regierung..."

    Aha, DAHER weht der Wind. Wenn also in Zukunft jemand wie Ramelsberger unreflektiert die Pressemitteilung des BKA veröffentlicht (siehe z.B. www.sueddeutsche.de/,tt2m2/deutschland/artikel/766/104662/ oder /deutschland/artikel/990/131755/) und man die teuflische Gewalt der Behauptungen selbst recherchieren möchte (z.B.: "Fässer mit Wasserstoffperoxid zu besorgen, um es zu Sprengstoff zu verarbeiten": soso. Jeder Chemielehrling, weiss, dass das keine Chance auf Erfolg hätte, der maximale Erflog wäre gewesen, dass sich die Spacken selbst terminiert hätten), so muss er auf das Internet als Informationsquelle verzichten, da ihm ansonsten Gefängnis droht.

    Derlei kennt man sonst nur aus China. Aber schon klar: der Staat hat recht, wer das Anzweifelt, ist ein Dissident und muss weg.

    Nur weiter so, meine werten Minister. Bis dann wieder einmal brave Bürger zu "Staatsfeinden" werden.

    Ehrlich: Stasi-Stäuble und Inkompetenz-Zypries müssen entlassen und abgeschoben werden.

    DW


    Bewerten Sie diesen Kommentar



    Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


    "Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
    Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
    Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
    George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

    ANZEIGE

    Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
    Bilder aus der Politik
    Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
    Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
    Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
    Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
    Süddeutsche Zeitung Photo
    Armutsflüchtlinge aus Afrika
    Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
    Politik transparent gemacht
    Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

    Postleitzahl oder Schlagwort:

    Link auf abgeordnetenwatch.de