Hinter dem Streit um die richtige polizeiliche Reaktion auf Trittbrettfahrer steht die unangenehme Frage nach der Mentalität der Täter.
Dieses Schild hing am Technischen Gymnasium in Offenburg - dort wurde ein Amoklauf angekündigt Foto: AP
Fast scheint es, als seien Amokläufe die rhetorische Stunde der jeweiligen politischen Opposition. Macht ein Amokläufer blutigen Ernst, fragt sie, ob die Behörden nicht frühe Warnsignale auf die leichte Schulter genommen haben. Erweist sich die Drohung einer Wahnsinnstat als leer, werden Sicherheitsaktionen der Polizei als übertrieben angeprangert.
Niemanden wundert es daher, dass Ute Vogt, die SPD-Fraktionschefin im Stuttgarter Landtag, die öffentliche Warnung des Kultusministers geißelte: "Diese Warnung produziert Angst und Verunsicherung und schafft eine Grundlage für weitere Trittbrettfahrer."
Natürlich rufen Amok-Warnungen Verunsicherung hervor, zumal so kurz nach dem Emsdettener Schulattentat. Und natürlich können sie Trittbrettfahrer anregen, mit der eh schon geschürten Angst zu spielen. Aber entziehen diese voraussehbaren Folgen den Sicherungsvorkehrungen die Legimität?
In der Tat wurden in den letzten Tagen in Köln, im Sauerland und bei München Amokläufe angedroht - in allen Fällen handelt es sich offenbar um Nachahmer. Doch werden die Täter durch öffentliche Warnungen zu ihrem Spiel mit der Angst motiviert oder durch die Attentate selbst, eben wie durch jenes in Emsdetten? Zwei der drei genannten Androhungen fanden vor dem baden-württembergischen Vorfall statt.
Solche Einwände beenden nicht die Diskussion darüber, ob in Baden-Württemberg das erstrebte Maß an Sicherheit mit weniger pompösen oder gar hysterischen Mitteln hätte erreicht werden können.
Doch im Unterschied zur Berliner "Idomeneo"-Inszenierung, wo der Innensenator die überforderte Intendantin ohne jedes konkrete Gefahrindiz zur panikartigen Absetzung getrieben hatte, gab es hier immerhin eine Amok-Ankündigung im Internet - die will nun mal nach den blutigen Vorgeschichten bis zu ihrer Widerlegung ernst genommen sein.
Hinter der Klärung der angemessenen polizeilichen Reaktion schwelt aber nicht nur der Streit über den Einfluss der Killerspiele auf junge Männer (in diesem Fall ist allerdings schon die Vorfrage offen, ob die von der Polizei Verdächtigten überhaupt zu jenen gehören, die ihre Zeit und Phantasie mit Totschlagssoftware füllen).
Vielmehr lauert dahinter die womöglich noch unangenehmere Frage nach dem sozialen Charakter des terroristischen Trittbrettfahrers. Es gehört zum kriminologischen Grundwissen, dass Trittbrettfahrer sich sowohl Terrorängste der Bevölkerung als auch martialische Gegenmaßnahmen der Behörden psychisch zu Nutze machen. Aber was ist das für eine Mentalität, die Bombenkoffer in Bahnhöfen abstellt oder als Pistolero Schulen in Angst versetzt, nur um scheußlichen Vorbildern zu gleichen?
Das Unheimliche der Frage steckt darin, dass sie ins Zentrum des Aufbaus von Selbstbewusstsein führt. Spätestens seit Hegel beschäftigt sich die Moderne damit, was den Drang zur menschlichen Größe ausmacht, wie sich menschliche Selbstausbildung hochschaukelt. Und Hegel hat als entscheidenden Motor die Nachahmung benannt - gerade für die sich am Gleichheitsprinzip orientierende, aber auch an ihm leidende bürgerliche Gesellschaft. Jeder will mindestens gleich, aber eigentlich größer sein.
Am Bedürfnis nach Nachahmung richtet sich seit je die Pädagogik aus, aber auf ihrer Basis funktioniert auch der abartige Triumph des Trittbrettfahrers. Dieser ist ja, bei aller zynischen Kälte, durchaus sozial sensibel - er weiß um die menschliche Verletzlichkeit nur allzu gut, das macht ihn so gefährlich.
Er versetzt sich in die Furchtsamkeit der anderen und macht sie mit minimalem echten oder bluffenden Aufwand seinem Drang nach schrecklicher Größe untertan. Jede Warnung vor ihm unterstellt darum dieses Unbehagen über die schwarzen Löcher der idolsüchtigen Moderne: Wieso schlägt bei Trittbrettfahrern der notwendige Drang auf Anerkennung in die Anlehnung an das perverse Vorbild um?
(SZ vom 8.12.2006)

Ein Mann und seine Sprüche
Deutschlands Mutti
Patzer, Pannen, Palin
"Spätrömische Dekadenz"
Blut soll fließen
Ikone des Protests
Pomp, Politik, Polygamie