Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hält sechs Monate Wehrdienst für machbar. Ein Vorteil: Die Rekruten würden weniger zum Rumgammeln genötigt.
Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des Bundestags. Foto: ddp
Reinhold Robbe, SPD, ist seit 2005 Wehrbeauftragter des Bundestags. Im Mai 2010 wird ein neuer Beauftragter bestimmt. Der frühere Verteidigungsspezialist der SPD-Bundestagsfraktion hat selbst nicht gedient. Er gehört zu den wenigen im Bundestag, die mit Hauptschulabschluss politische Karriere gemacht haben.
sueddeutsche.de: Herr Robbe, die schwarz-gelbe Koalition will die Wehrpflicht auf sechs Monate verkürzen. Das ist nicht mehr als ein längeres Praktikum. Ergibt das noch Sinn?
Reinhold Robbe: Es kommt darauf an, wie die Wehrpflicht ausgestaltet wird. Noch steht nicht fest, wie die verkürzte Wehrpflicht aussehen soll. Wenn sie lediglich von neun auf sechs Monate verkürzt wird, dann wäre das sicher kritikwürdig. Ich gehe aber davon aus, dass mit der Verkürzung auch die Strukturen überarbeitet werden. Ich habe auch gehört, es soll ein Monat Urlaub in die sechs Monate Grundwehrdienst eingebunden werden. Die Frage ist noch offen, wie das umgesetzt werden kann.
sueddeutsche.de: Wie müssten neue Strukturen aussehen, damit sowohl der Wehrdienstleistende als auch die Bundeswehr etwas davon haben?
Robbe: Im Mittelpunkt muss eine optimale Ausbildung stehen. Es gibt zum Beispiel einen Vorschlag von zwei ehemaligen Wehrdienstleistenden, die ihre Vorstellungen auch in ein Buch gegossen haben. Sie wollen fünf Monate Grund- und Spezialausbildung plus einen Monat Vorbereitung auf das Berufsleben als Zivilist. Ich finde, dass dieser Vorschlag jetzt in die Überlegung eingebunden werden könnte.
sueddeutsche.de: In der FDP wird die Einigung auf sechs Monate als Einstieg in den Ausstieg aus der Wehrpflicht gefeiert.
Robbe: Das muss nicht zwangsläufig so sein. Ich habe kürzlich einen Workshop für Wehrpflichtige aus Österreich und Deutschland veranstaltet. In Österreich gibt es seit Jahren die sechsmonatige Wehrpflicht. Das funktioniert dort offenbar ganz gut.
sueddeutsche.de: Was sagen Ihnen deutsche Wehrpflichtige?
Robbe: Sie berichten mir, dass sie mit der dreimonatigen Grundausbildung relativ zufrieden sind. Wir haben dort in der Regel motivierte Rekruten und motivierte Ausbilder. Das Problem sind die folgenden sechs Monate. Da höre ich oftmals Klagen über sogenannten Gammeldienst.
sueddeutsche.de: Meinen Sie das stupide Wacheschieben an der Kasernenpforte?
Robbe: Nein, viele Rekruten haben gar keine Aufgabe mehr. Sie sitzen den ganzen Tag nur rum. Ich habe ganz aktuell eine neue Eingabe auf den Tisch bekommen, in der sich ein Rekrut bitterlich beschwert, dass er in den sechs Monaten nach der Grundausbildung fast ausschließlich im "Leerlauf" war. Das ist kein Einzelfall. Ich denke, das Schlimmste, was man jungen Menschen antun kann, ist, ihnen das Gefühl zu geben, überflüssig oder sogar eine Belastung zu sein.
Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, beobachtet neben einem Generalleutnant ein Übungsmanöver auf dem Truppenübungsplatz Bergen in Niedersachsen. Foto: AP
sueddeutsche.de: Wehrpflichtbefürworter gerade aus Kreisen der Bundeswehr sagen, die Rekruten würden dringend gebraucht, um die Berufs- und Zeitsoldaten zu entlasten. Wie passt das zusammen?
Robbe: Der bisherige Verteidigungsminister Franz Josef Jung hat zuletzt 5000 Wehrpflichtige überplanmäßig einziehen lassen. Das war ein richtiger Schritt. Nur war die Truppe auf diese zusätzlichen Kräfte offensichtlich nicht eingestellt. Zum Teil bekommen die Wehrpflichtigen keine vernünftigen Unterkünfte und es gibt nicht genügend Ausbilder. Das ist sicher ein Problem.
sueddeutsche.de: Die SPD hat in ihrem Hamburger Programm beschlossen, dass die Wehrpflicht durch einen Freiwilligenwehrdienst ersetzt werden soll. Ist das die Lösung?
Robbe: Das kann ich nicht sagen, weil es damit keine Erfahrungen gibt. Die spannende Frage ist allerdings, ob mit einem freiwilligen Wehrdienst der notwendige Nachwuchs rekrutiert werden kann.
(sueddeutsche.de/gba)





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