Von Jens Schneider

Zwar liegt die CDU in den Umfragen klar vorne - doch nun erstarkt überraschend die Linkspartei und könnte in den Landtag einziehen. Obwohl im Land kaum präsent, steht sie plötzlich bei fünf Prozent.

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Die Spitzenkandidatin der Linkspartei: Kreszentia Flauger Foto: AP

Wird es nun doch noch eng, gegen alle Erwartungen? Der Wahlkampf in Niedersachsen hat spät begonnen, erst im neuen Jahr, und ist danach nie richtig losgegangen. Das war bisher ganz nach dem Geschmack von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der seine Kampagne mit einem präsidialen Gestus führt. Hoch über den Niederungen der Landespolitik, als könne sein Herausforderer Wolfgang Jüttner (SPD) ihn gar nicht herausfordern.

Beständig liegt die CDU zusammen mit dem Koalitionspartner FDP in Umfragen klar vorn, bei der Forschungsgruppe Wahlen jetzt mit 46 und sieben Prozent. Doch die unerwartete Spannung bringt die Entwicklung bei der Linken. Obwohl im Land kaum präsent, steht sie plötzlich bei fünf Prozent.

Das Erstarken der Linken kommt verblüffend, weil die SPD mit ihrem Wahlkampf unter dem Motto "Gerechtigkeit kommt wieder" auf der linken Flanke wenig Raum ließ. Nun müssen die Sozialdemokraten - in der letzten Umfrage bei 33 Prozent - fürchten, dass die Linke zu ihren Lasten stark wird.

Noch unbekannt: Die Spitzenkandidaten Kreszentia Flauger und Manfred Sohn

Dabei sind deren Spitzenkandidaten, Kreszentia Flauger und Manfred Sohn, kaum bekannt. Nicht zufällig dominieren die prominenten Bundespolitiker Gregor Gysi und Oskar Lafontaine die Kampagne.

Eine zentrale Frage des Wahlsonntags wird nun sein, ob die in Wulffs Lager gepflegte These wirklich stimmt, dass das ländlich geprägte Niedersachsen für die Linkspartei kein Feld bietet. Bei Wulffs Wahlkampfauftakt brachte ein Kabarettist den Saal mit der Pointe zum Toben, dass im niedersächsischen Emsland eher eine Ortsgruppe von al-Qaida als von den Linken zu finden wäre.

An diesem Wochenende reist Lafontaine nach Aurich, Gysi macht in Wilhelmshaven die Probe. Bisher haben die Konkurrenten die Linke zu ignorieren versucht. In den Wahlreden des Sozialdemokraten Jüttner spielen sie keine Rolle.

Anders als Roland Koch hat Wulff weitgehend darauf verzichtet, vor der Gefahr eines rot-rot-grünen Bündnisses zu warnen. Diese Zuspitzung könnte nun in der heißen Phase des Wahlkampfs, der einfach nicht heiß werden will, eingesetzt werden.

Wenn es nach Wulffs Strategen geht, müsste der smarte Regierungschef seinen Vorsprung bis zum Sonntag noch ausbauen. Kurz vor dem Wahltermin richtet sich, so das Kalkül, die Aufmerksamkeit der Wähler immer mehr auf das Duell der Spitzenkandidaten. Der Amtsbonus beginnt zu wirken.

Liberale starten Zweitstimmenkampagne

Der unermüdlich durchs Land tourende Sozialdemokrat Jüttner hat zwar ein wenig an Bekanntheit gewonnen, liegt aber bei der Popularität weiter deutlich hinter Wulff. Inzwischen haben die Liberalen um ihren jungen Vorsitzenden Philipp Rösler eine Zweitstimmenkampagne gestartet. Sie warnen vor einer absoluten Mehrheit für ihren aktuellen Regierungspartner, das Plakat zeigt ein Spiegelei in einer Pfanne, dem das Eigelb fehlt. Beim letzten Mal im Februar 2003 hatte Wulff mit 48,3 Prozent die absolute Mehrheit nur knapp verpasst.

Wulff setzt inzwischen darauf, sich von bundespolitischen Konflikten zu entkoppeln. Er hat sich anfangs indifferent verhalten, dann aber klar von Roland Kochs Vorstößen zur Jugendkriminalität distanziert: Er sei nicht Koch und Niedersachsen nicht Hessen.

Stattdessen präsentiert er Niedersachsen als weltoffenes Land, das auch bei der Integrationspolitik Vorreiter sei. So findet Kochs Kampagne nur über Bande in Niedersachsens Wahlkampf Widerhall. Wulffs Gegner greifen Koch an und versuchen Wulff für dessen Ideen in Mitverantwortung zu nehmen.

Nur einen halben Tag lang sah es in dieser Woche aus, als könnte es doch noch hitzig, vielleicht sogar giftig werden in Hannover. Als Jüttner und seine seit mehr als drei Jahrzehnten mit ihm verheiratete Frau Wulffs Familienverhältnisse kritisierten, roch es nach Aufregung. Die CDU empörte sich über eine "Schmutzkampagne".

Doch das Thema scheint zu versanden. Die anderen Parteien möchten nicht aufspringen, "unter Niveau" nannte etwa der Freidemokrat Rösler die Geschichte. In Jüttners Lager war die Lust nachzulegen angesichts der heftigen Kritik gleich null.

(SZ vom 19./20.1.2008/dmo)