Ein Kommentar von Heribert Prantl

Viele Millionen Menschen müssen am Rand dieser Gesellschaft leben. Doch sie verhungern nicht, sie sitzen auch nicht bettelnd in der Fußgängerzone. So werden ihre Klagen oft als Jammern abgetan. Der neue Armutsbericht ist auch ein Dokument zum Zustand unserer Demokratie.

Eine Demonstration gegen Studiengebühren in Deutschland - nur ein Thema von vielen in der Debatte um Arm und Reich Foto: ddp

Es sind Kleinkinder verhungert in Deutschland: Die Nachrichten und Bilder davon haben die Menschen erschüttert. Aber Jessica, Lea-Sophie und Dennis sind nicht gestorben, weil ihre Eltern ihnen kein Essen kaufen konnten. Sie sind an Verwahrlosung gestorben.

Armut ist hierzulande keine Kalorienfrage. Deutschland ist ein reiches Land; und trotzdem gibt es viel Armut in Deutschland - auch wenn es stimmt, dass die deutschen Armen Krösusse wären in Kalkutta, Lagos, Khartum und Dhaka.

Die deutschen Armen sind relativ arm. Im Winter liest man hierzulande gelegentlich Meldungen über Menschen, die in der Kälte erfrieren. Sie sterben an der Obdachlosigkeit - im Hauseingang, auf der Parkbank, am Rand der Gesellschaft also. Es sind nur sehr wenige, die dort sterben.

Viele Millionen Menschen aber müssen am Rand dieser Gesellschaft leben: Sie müssen dort irgendwie auskommen, mehr schlecht als recht. Von ihnen handelt der Armutsbericht der Bundesregierung. Diese Millionen Menschen verhungern nicht, sie sitzen auch nicht bettelnd in der Fußgängerzone; sie sind aber trotzdem arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Gesellschaft, die sich nur den Bessergestellten entfaltet.

Man kann die Armut in Deutschland vielleicht an der Länge der Schlange vor den Brotgeschäften messen, an denen es das billige Brot vom Vortag zu kaufen gibt. Wie gesagt: Diese Armen sind nur relativ arm. Daraus ergibt sich aber das Bittere für die Bedürftigen hierzulande. Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren. Deshalb konnte das soziale Netz als Hängematte diskreditiert werden.

Deshalb konnte so getan werden, als seien Langzeitarbeitslose an ihrer Situation überwiegend selbst schuld. Deshalb müssen die Hartz-IV-Menschen mit 347 Euro im Monat auskommen; und die Abgeordneten der großen Parteien passen lieber ihre Diäten an, als endlich den Grundbedarf der Langzeitarbeitslosen an die seit zehn Jahren gestiegenen Preise anzupassen.

Arm sein unter protzenhaftem Reichtum

Die relativ Armen werden oft für relativ faul gehalten: Deshalb konnte ein Politiker am Rand einer Spendengala für Katastrophenopfer sagen, er könne angesichts des Elends anderswo das Gejammer der angeblich Armen in Deutschland nicht mehr hören.

Im zweiten Teil lesen Sie von möglichen Wegweisern für die künftige Debatte.

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