Spaniens 11.September

    Kommentar

    11.03.2004, 17:46

    Von Peter Burghardt

    Dieser 11. März wird Spaniens Erinnerung ähnlich prägen wie der 11. September 2001 das Gedächtnis der USA und der ganzen Welt. Es steht zu befürchten, dass auch die Folgen ähnlich sein werden.

    Spanien lebt seit dreieinhalb Jahrzehnten mit einem Terror, den drei Buchstaben markieren: Eta – das ist die Kurzform des zynischen Titels „Euskadi ta Askatusuna“, Baskenland und Freiheit. Für die große Mehrheit der Spanier steht dieser Name für Nackenschüsse und Autobomben.

    Bis zum 11.März 2004 hatte die Mörderbande in ihrem Kampf für eine Unabhängigkeit des Baskenlandes mehr als 800 Menschen umgebracht – Politiker, Polizisten, Militärs und andere, die den Irrsinn der Eta nicht teilen wollten. Nach dem Attentat auf die Madrider Vorortzüge sind es nun mindestens 180 Tote mehr, und der Schrecken hat mit einem Schlag eine neue Dimension erreicht.

    Dieser 11.März wird Spaniens Erinnerung ähnlich prägen wie der 11. September 2001 das Gedächtnis der USA und der ganzen Welt. Es steht zu befürchten, dass auch die Folgen ähnlich sein werden.

    Die tödlichen Sprengsätze explodierten nicht nur kurz vor der Parlamentswahl am Sonntag, sondern auch in einem Moment, als die Offensive des spanischen Rechtsstaates zumindest oberflächlich Erfolg hatte. Zuletzt schien die Eta nur noch begrenzt handlungsfähig zu sein, viele Kommandos wurden enttarnt, Sprengstoff-Lieferungen gestoppt, es gab kaum mehr Anschläge.

    Dabei half außer der verbesserten Zusammenarbeit der Behörden vor allem der gemeinsame Versuch von Politik und Justiz, das Umfeld der Gewalttäter auszutrocknen. Die Eta-nahe Separatistenpartei Batasuna wurde trotz juristischer und taktischer Bedenken ebenso verboten wie manch andere Organisation.

    Die Bande schien an Schlagkraft zu verlieren und an erfahrenen Aktivisten. So paradox es klingt: Genau das könnte der Grund für die jüngsten Terrorschläge sein – falls die Eta, wie vermutet, tatsächlich dafür verantwortlich ist.

    Gewöhnlich haben die Separatisten ihren Attentaten anonyme Warnanrufe vorangeschickt. Auch richtete sich ihre Gewalt nie wahllos gegen Pendler, die morgens zur Arbeit fahren. Einmal, 1987 in Barcelona, tötete die Eta zwar bei einem Massaker 21 Passanten in einem Supermarkt, doch intern soll dies später als Fehler bezeichnet worden sein. Stets war allerdings eine Tragödie, wie sie am Donnerstag geschah, befürchtet und von einigen Politikern beschworen worden.

    Noch menschenverachtendere Generation von Aktivisten

    Dass es jetzt tatsächlich so weit gekommen ist, kann an einer neuen, unerfahrenen und noch menschenverachtenderen Generation von Aktivisten liegen. Oder am Versuch, mitten im spanischen Wahlkampf eine Stärke zu beweisen, die eigentlich Schwäche ist.

    In die Enge getriebene Verbrecher sind oft besonders gefährlich in ihrem letzten Aufbäumen. Markieren die Anschläge auf die Züge also womöglich ein Ende mit Schrecken – anstatt des Schreckens ohne Ende? Jedenfalls traf die Katastrophe Spanien bestimmt nicht zufällig in einer Woche, an deren Ende politisch die Weichen gestellt werden.

    Stets war der Terror ein zentrales Thema gewesen, zumal unter der Ägide des scheidenden Premiers Jose Maria Aznar. Der Terror rechtfertigte im Zweifel jede autoritäre Maßnahme, während die demokratischen Umgangsformen degenerierten.

    Der Terror diente auch zur Erklärung des bedingungslosen Schulterschlusses mit US-Präsident George W. Bush, der Spanien in den Angriff auf den Irak geführt hat – trotz des massiven Widerstandes der Bevölkerung. Aznar verknüpfte den Schrecken von al-Qaida mit dem Schrecken der Eta, die ihn 1995 beinahe selbst getötet hätte.

    Der Premier sieht die konservative Volkspartei PP und seinen designierten Nachfolger Mariano Rajoy als Garanten für die innere Sicherheit, nachdem die Sozialisten im Kampf gegen die Eta gescheitert waren. Da kam ein Skandal aus der renitenten Region Katalonien zunächst gerade recht. Dort wurde vor kurzem bekannt, dass sich ein führender Vertreter der Linksregierung mit Eta-Mitgliedern getroffen hatte. Danach erklärte die Eta eine exklusive Feuerpause für Katalonien, der jetzt dieses Blutbad in Madrid folgte.

    Rational lässt sich der Terror der Eta kaum mehr erklären. Diese Tragödie hat keine religiösen Bezüge wie die Gewalt in Nordirland, das von der Autonomie des spanischen Baskenlandes nur träumen kann. Fast 29 Jahre nach dem Tod des spanischen Diktators Franco besitzt die baskische Region mehr Rechte als etwa der Freistaat Bayern.

    Eine knappe Mehrheit der Basken befürwortet den Nationalismus

    Allenfalls die Hälfte der Basken interessiert sich für die Unabhängigkeit, bloß eine Minderheit unterstützt die Eta. Hunderttausende protestieren für Frieden. Doch eine knappe Mehrheit der Basken befürwortet immerhin einen Nationalismus, dessen Führung sich von Spanien entfernen will.

    Gleichzeitig nimmt in Katalonien und selbst in Andalusien der Widerstand gegen Madrid zu. Mit dem Starrsinn an der Peripherie und im Zentrum wächst die Konfrontation – und auch der Hass.

    Dieser 11. März macht fassungslos. Doch die Reaktion darf kein blinder Feldzug à la Bush sein. Polizei, Geheimdienst und Justiz sind noch mehr als bisher gefordert, allein aber werden sie den Terror mit seinen perfiden Varianten kaum besiegen.

    Man kann mit Mördern nicht verhandeln, aber man muss den politischen Dialog mit gemäßigten Kräften dringend wieder aufnehmen, um die Eta zu isolieren. Spanien kann nicht jeden Gemeinderat bewachen und jeden Vorortzug.

    (SZ vom 12.3.2004)

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