Von Kurt Kister
Gerhard Schröder und George Bush im New Yorker Hotel Waldorf Astoria: Politische Differenzen, persönliche Abneigung, sonst alles in Ordnung – bei der UN-Sitzung ging nach 16 Monaten eine Kälteperiode zu Ende.
(SZ vom 25.09.2003) - Der Präsident sitzt auf einem gelben Stuhl und wippt hektisch mit dem rechten Fuß. Neben ihm sitzt der Kanzler und macht einen entspannten Eindruck. „We had differences“, sagt George W. Bush, wobei differences im Englischen alles Mögliche von Meinungsverschiedenheiten bis Streit heißen kann.
„Und nun sind sie vorüber“, fügt der Präsident hinzu. Dann erklärt erst Bush etwa 30 Sekunden lang, dass man über alle möglichen Probleme der Weltpolitik sich ausgetauscht habe. Schröder wiederholt dies, nur länger und mit Übersetzung. Später sagt der Kanzler in die Kameras dann noch einmal das, was man so sagt bei so einem Treffen: gutes Klima, freundliches Gespräch, offener Austausch.
Was wirklich passiert ist zwischen neun und halb zehn Uhr morgens hinter der verschlossenen Tür der Suite 35 H im 35. Stock des Waldorf Astoria Hotels, wissen einerseits nur die, die dabei waren, also Schröder und Bush, Fischer und Powell, Rice und Mützelburg, Schröders außenpolitischer Berater.
Amateurpsychologen nennen das aktives Verdrängen
Andererseits kann man es sich gut vorstellen. Über das, was ein solches Gespräch zwischen Präsident und Kanzler fast 16 Monate lang verhindert hat, wurde nur gesagt, dass es jetzt vorbei sei. Man wolle nach vorne blicken.
In der Amateurpsychologie nennt man das aktives Verdrängen, und oft hilft es ja auch. Das andere, das offene, sachorientierte, gute Gespräch wird von Schröders Seite aus im Prinzip nicht anders gewesen sein, als wenn er im Kanzleramt, bei einem Pressegespräch oder in der Fraktion über die Lage in Deutschland, über Afghanistan, den Irak etc. spricht.
Jedenfalls ist der Gesprächsfaden zwischen beiden nun wieder geknüpft und keiner kann Schröder mehr vorhalten, dass der US-Präsident ja nicht einmal mit ihm reden wolle. Er tut es und nennt ihn sogar, als wäre nichts gewesen, wieder Görard.
Hauptsache stattgefunden
Das Tête-à-tête gehörte zweifelsohne zu jenen Gesprächen höchstrangiger Politiker, bei denen es weniger auf den Inhalt ankommt als vielmehr darauf, dass sie überhaupt stattfinden. Dass Bush 16 Monate lang de facto nicht mit dem Kanzler redete, interessierte in den USA nur eine ziemlich kleine Minderheit.
Den Amerikanern, wenn man das so verallgemeinernd sagen darf, gelten die Franzosen unter ihrem sehr alteuropäischen, manchmal geradezu manieriert auftretenden Präsidenten Jacques Chirac als die wahren Bösewichter in der Ablehnungsfront gegen den Irak-Krieg.
Von den Deutschen, so hat es Präsident Bush in einem Interview in dieser Woche gesagt, weiß man ja, dass viele von ihnen wegen der kollektiven Erinnerung an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs Pazifisten sind. Früher, vor fünf, sechs Jahren, war diese Erkenntnis an der amerikanischen Ostküste nicht sehr verbreitet. Allerdings musste man sich damals auch nicht erklären, warum der stets botmäßige Verbündetenklient Germany aus der Reihe scherte.
Der Kanzler zog eine Lasst-mich-doch-in-Ruhe-Miene
In Deutschland war das Schweigen zwischen Präsident und Kanzler dagegen stets ein Thema. Schröder wurde so oft dazu befragt, dass es ihn immer mehr nervte. Noch am Dienstag, einen Tag vor dem Ereignis, war ihm dies deutlich anzumerken. Bei einem Pressefrühstück im Deutschen Haus an der New Yorker UN-Plaza sprach ein Journalist im Zusammenhang mit dem Bush-Termin fahrlässig oder mutwillig von einer „Wiederaufnahme der deutsch-amerikanischen Beziehungen“.
Schröder schüttelte unwillig den Kopf und sagte: „Von Wiederaufnahme zu reden, ist nun wirklich verwegen.“ Man habe die ganze Zeit auf fast allen Ebenen stets miteinander gesprochen. Ob er denn dann wenigstens den Stand der persönlichen Beziehungen zwischen ihm und Bush erläutern wolle, setzte ein anderer Frager nach.
Der Kanzler zog seine Lasst-mich-doch-in-Ruhe-Miene und beschied die rings um den Tisch versammelten Unbillerzeuger: „Ich habe nicht die Absicht, mich über solche Dinge öffentlich zu verbreiten.“ Basta, dachte man sich da und biss ins Käsebrot.
Clinton, der vom Kanzler bewundert wurde
Gewiss, zwischen Bush und Schröder herrscht eher Antipathie und zwar nicht nur wegen Schröders zwar auch taktisch motivierten, aber durchaus seiner inneren Überzeugung entspringenden Gegnerschaft zum Irakkrieg. Bushs Vorgänger Bill Clinton stieß bei Schröder auf große Sympathie, ja Bewunderung.
Clinton, the ultimative political animal, hatte sich wie Schröder aus kleinsten Verhältnissen an die Spitze emporgearbeitet, und das Geheimnis seines Erfolges lag in der ihm eigenen Mischung aus Charisma, Chuzpe und intuitiver Wahrnehmung des politischen Moments.
George W. Bush dagegen ist der Spross einer politischen Dynastie, ein Erbe, dem die Wahlkampfspenden in Eimern voller Geld hinterhergetragen wurden. Viel mehr als Clinton ist der intellektuell einfacher strukturierte Bush ein Teamspieler. Einfach gesagt: Bush ist nicht Schröders Typ. Selbst wenn es den Eklat des Wahlkampfs 2002 nicht gegeben hätte, wäre es wohl bei einer oberflächlichen Görard-und-Tschortsch-Beziehung geblieben.
Schröder, der Machttechniker
Andererseits hat einer von Schröders außenpolitischen Beratern Recht, wenn er sagt: „Schröder und Bush sind gewählt worden, um Verantwortung zu tragen und die Interessen ihrer Länder zu wahren.“ Vieles sei leichter, wenn sich zwei Regierungschefs persönlich gut verstünden:
„Ist das aber nicht der Fall, bedeutet das noch lange keine Krise.“ Viele jener Verhältnisse, die man in der Politik Freundschaften nennt, sind in freundliche Gesten gekleidete Zweckbündnisse.
Gerhard Schröder und Jacques Chirac sind ein solcher Fall. Chirac ist ein Produkt der französischen Elite; Schröder dagegen ein Hilfs-Clinton, ein mit enorm starkem Willen ausgestatteter Machttechniker. Die beiden begegnen sich in letzter Zeit sehr häufig, sie sind sich vertraut und dennoch wirkt es sonderbar linkisch, ja manchmal berechnend, wenn sie persönliche Gesten austauschen.
Chirac, mit der Grazie eines gnädigen Stelzvogels
Kurz bevor am Dienstag die Generalversammlung der Vereinten Nationen eröffnet wurde, erhob sich Chirac vom französischen Tisch im großen Sitzungssaal. Aufrecht schritt er auf dem grünen Teppichboden nach rechts, wo sich Gerhard Schröder näherte.
Der Kanzler, gedrungen im Körperbau, kam eilenden Schrittes. Der groß gewachsene Chirac dagegen bewegte sich mit der linkischen Grazie eines gnädigen Stelzvogels.
In der Mitte des Ganges kollidierten Kanzler und Präsident mutwillig: Chirac knickte nach vorn, Schröder streckte sich über die Schuhspitzen, und dann umarmte man sich in einer irgendwie parodistisch anmutenden Abart des gallischen Begrüßungskusses.
Alte Katastrophen im neuen Gewand
Muss das sein, vor aller Augen in der Generalversammlung? Ja, denn hier begrüßten sich nicht zwei Kumpels, sondern zwei politische Kumpane, denen die Bedeutung einer öffentlichen Umarmung im Reich der symbolischen Politik wohl bewusst ist.
Und was wäre gerade die Generalversammlung der Vereinten Nationen anderes als eine gewaltige Zelebration der symbolischen Politik? Aus aller Herren Länder sind Könige, Staats- und Regierungschefs für zwei, drei Tage nach New York eingeflogen. Jeder von ihnen hält eine Rede, die nicht länger dauern soll als eine Viertelstunde.
Nein, da gibt es wenig Neues. Wie denn auch? Die Vereinten Nationen schlagen sich seit langem und immer wieder mit Krieg, Terror, Krankheiten, Armut und Unterdrückung herum. Es sind die alten Katastrophen im neuen Gewand.
Demokratie braucht Freunde
[/ZWT_1]In diesem Jahr spielt in vielen Reden ein Bekenntnis zum Multilateralismus eine Rolle: Das Unbehagen über das Vorgehen der von Washington geführten Kriegskoalition im Irak sitzt bei vielen tief.
Im Sicherheitsrat wird um die Formulierung einer Resolution gerungen, die nach dem Willen Frankreichs, Deutschlands und Russlands den UN deutlich mehr Verantwortung im besetzten Zweistromland geben soll, als dies heute der Fall ist. Die Amerikaner wollen nach wie vor weniger Kompetenzen abtreten, und vor allem wollen sie das erst später tun.
Bush ist in der Zwickmühle, wie sehr, sah man auch an seiner Ansprache. Anfangs klang er fast trotzig, was auch durch die eher kühle Stimmung im Saal gefördert worden sein mag.
Bush als Rechthaber, Bush als Bittsteller
Zwischenapplaus gab es keinen, auch nicht bei jenen Passagen, in denen der Präsident das Nachkriegsprogramm im Irak mit dem Marshallplan verglich oder darüber redete, dass „junge Demokratien“ doch viele Freunde bräuchten.
Sicher brauchen die Iraker viele Freunde, aber die benötigen auch die Amerikaner.
Die militärische Besetzung des Irak, die Bekämpfung des Widerstands, die zivile Umerziehung und der Wiederaufbau – all das kostet viel Geld und leider auch etliche Menschenleben. Der Krieg, nein, die anhaltende Besetzung wird zunehmend unpopulär in den Staaten; Bush, der einst strahlende Held, liegt ein Jahr vor der Wahl in einer Meinungsumfrage knapp hinter einem der demokratischen Kandidaten, dem Ex-General Wesley Clarke.
So warb Bush aus der Position des Rechthabers, aber auch aus der des Bittstellers um mehr Geld und mehr Truppen der anderen Staaten. Diese Art des Werbens der Großmacht kennt man seit Wochen, und auch die Antworten der Skeptiker. Die Deutschen zum Beispiel, so auch Schröder in seiner Rede am Mittwoch, geben etwas, aber nicht zu viel, weil man ja andernorts – Balkan, Afghanistan – so sehr engagiert ist. Déjà vu, déjà entendu.
Mit der Eindringlichkeit eines Landpredigers
Kurz nach dem US-Präsidenten sprach am Dienstag Chirac, dessen gestenreicher, leicht gespreizter Auftritt einen lehrreichen Gegensatz zu Bushs Rede darstellte. Wo der Amerikaner in oft einfachen Worten, manchmal mit der Eindringlichkeit eines Landpredigers den Terror geißelte und die moralische Sendung Amerikas erläuterte, hielt Monsieur Chirac eine kleine Vorlesung über die Segnungen des Multilateralismus.
Im Prinzip teilte er den Bush-Amerikanern mit, dass weder sie noch ihr Land etwas Besonderes oder gar mit Rechten sui generis ausgestattet seien. Wegen solcher Auftritte liebt die politische Klasse in Washington und New York Chirac etwa so sehr, wie sie ein verschimmeltes Stück Kork im teuren Weißwein schätzt.
Auch Chirac und Bush trafen sich in New York zum vertraulichen Gespräch. Hier lässt sich Ähnliches bilanzieren wie über die Begegnung Schröders mit Bush: Politische Differenzen, persönlich herzliche Abneigung, aber sonst alles in bester Ordnung.