Von Matthias Drobinski

Beim Evangelischen Kirchentag in Bremen wollen die Menschen nicht über Krise reden oder Rente, sondern über Grundsätzliches - den Politikern ist das nur recht.

Symbiose auf wankendem Schiff; ReutersGrossbild

(Foto: )

Motorradknattern durchschneidet den Sound der Posaunen, übertönt den Schlagzeuger, der zum Vergnügen zahlreicher Kinder Krach macht. Schwere Polizei-Maschinen fahren am Würstel-Stand der Epiphanias-Gemeinde vor, zwei schwarze Limousinen dahinter, Hälse recken sich. "Der Bundespräsident", ruft einer, der groß genug ist, um etwas zu erkennen.

Horst Köhler kommt zum Abend der Begegnung des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Bremen, eine Stunde hat er Zeit, dann muss er zurück nach Berlin. Eine Stunde, die er genießt, obwohl doch nur, wie immer bei solchen Terminen, lächelnde Gesichter und nicht zu Ende erzählter Geschichten an ihm vorübergleiten.

Hier aber trifft er evangelische Christen, wie er selber einer ist, es ist seine Welt, in der das Gutgemeinte auch mal für gut gilt, anders als im missgünstigen Berlin. Er angelt Magnetfische beim Stand des Kindergartens, lehnt das angebotene Würstchen ebenso ab wie den Teller Chili con Carne, um dann bei den Frauen aus Aurich-Kirchdorf Kartoffelpuffer mit Apfelmus zu essen. Anja Hauschild, die energische Diakonin, erzählt vom Mittagstisch, den die Gemeinde für arme Kinder organisiert, und dass sie die verdeckte Altersarmut vieler Frauen auf dem ostfriesischen Land bedrücke. "Das habe ich nicht gewusst", sagt Horst Köhler.

Dann dürfen die Kinderreporter Donja, Laura und Florian fragen. Der Präsident sagt, dass er das Leitwort des Treffens gut finde: "Mensch, wo bist Du?" Weil das die Verantwortung des Einzelnen zeige und die Chance, das Land zu verändern. Etwas steif steht er zwischen den Kindern. Aber das herbeigeströmte Publikum dankt mit langem Applaus.

Nichts Kämpferisches mehr

Evangelische Kirchentage waren einmal hochpolitische Veranstaltungen: in den achtziger Jahren stritten auf den Podien Befürworter und Gegner der Nato-Nachrüstung, die Anti-Apartheids-, Anti-Atom-, Eine-Welt-Gruppen fanden Raum und Gehör, es ging mit aller Emotion um eine bessere Welt für alle. Der Eifer erlahmte dann, die Hallen mit den schwierigen politischen Themen leerten sich, die, wo man singen und sich selbst erfahren konnte, waren voll. Diesmal könnte der Kirchentag wieder politisch werden, hieß es.

Die Zeiten sind ernst. Die Wirtschaft steckt in tiefer Krise, der Kapitalismus hat ein Begründungsproblem, die Frage, wie Arbeit und Lohn gerecht verteilt werden können, wohin die Globalisierung geht, wie der Klimawandel abgemildert werden kann, werden drängend werden. Die Antworten von Christen, lange als naiv und weltverbesserisch belächelt, sind wieder gefragt.

Und dann ist da der doppelte Wahlkampf: Die Kirchentagsgäste Horst Köhler und Gesine Schwan wollen beide am Samstag Bundespräsident werden; die Podiumsteilnehmer Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier im Herbst Bundeskanzler. So findet auf dem Bremer Treffen auch ein eigentümlicher Wahlkampf statt, von dem natürlich alle sagen, dass er kein Wahlkampf ist. SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier bekommt das am Mittwochabend ein bisschen zu spüren, sein Grußwort finden viele Zuhörer als zu wahlkämpferisch.

Die Namen sind Programm

Kampf und scharfe Auseinandersetzung schätzt das Publikum aber nicht mehr. Es ist eine symbiotische Beziehung zwischen Politikern und Publikum entstanden: Die Politiker verleihen dem Treffen Bedeutung, das tut den Christen im Zeitalter des Gläubigenschwundes gut. Für die Politiker gehören die in Bremen versammelten Christen wiederum zu jener kleiner werdenden Gruppe, die Gemeinschaftsverantwortung noch ernst nehmen. "Wohin es führt, wenn man von der Freiheit Gebrauch macht, aber vor der Verantwortung davonläuft, wissen wir alle zur Genüge", hat Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seiner Bibelarbeit gesagt. Das ist das Programm oben auf dem Podium und unten im Zuhörerraum.

So ist der donnernde Applaus der 8500 Menschen zu erklären, unter dem Bundeskanzlerin Angela Merkel im senfgelben Jackett Punkt elf Uhr in die größte Messehalle, den AWD-Dome, einzieht. Christdemokratische Politiker sind auf Kirchentagen auch schon ausgepfiffen worden, mit harten Fragen wurden sie immer konfrontiert. Das Thema - es geht um "Menschenwürde und Demokratie" - böte Gelegenheit dazu. Doch Rüdiger Sachau, Chef der evangelischen Akademie Berlin, bleibt freundlich; die Kanzlerin erzählt aus ihrer DDR-Vergangenheit und über die Veränderungsmacht des Einzelnen in Umbruchszeiten; das gefällt den Zuhörern, die sich derzeit den anonymen Kräften einer schwer verständlichen Krise ausgesetzt fühlen.

Sie kommt zu Europa und zur globalen Verantwortung, sie ist schlagfertig und witzig, in der Pause singt sie "Swing Low" mit allen in der Halle. Einmal fängt ihr Gesprächspartner Timothy Gordon Ash, der britische Publizist, einen Satz an: "Damit das hier nicht zu harmonisch wird . . ." Angela Merkel bekräftigt: "Ja, kritisch soll es sein, gerade auf dem Kirchentag." Ein Milchbauer schreit durch die Halle: "Wir brauchen einen Milchgipfel!" Was bei den Protestanten, die überwiegend keine Milchbauern sind, nicht gut ankommt.

Sympathien durch Reden

Renke Brahms ist Schriftführer der bremischen evangelischen Kirche - so heißt hier reformiert-nüchtern der Kirchenchef. Er hat über die Geschichte von Jona gepredigt, der vor seiner Aufgabe auf ein Schiff flieht und im Bauch des Fisches landet: "Auch diejenigen, die in der Öffentlichkeit so selbstsicher auftreten, möchten sich in stillen Minuten manchmal auf ein Schiff flüchten." Der Kirchentag ist so ein Schiff, wo Politiker nicht übers Rentensystem oder neue Schulden reden müssen, sondern im Schutzraum Grundsätzliches sagen dürfen, vor einem Publikum, das seine Sympathie parteipolitisch ausgewogen verteilt. Gesine Schwan bekommt Applaus, wenn sie fordert, dass das deutsche Bildungssystem Talente fördern solle und keine Elite. Und auch Steinmeier hat beim zweiten Auftritt mehr Glück als beim Grußwort. Den ganzen Tag war er auf dem Kirchentag, hat mit dem Fußballer Marco Bode und mit jungen Kickern über Südafrika geredet, mit Studenten auf einem der im Hafen liegenden Schiffe über das Baltikum, nun redet er über "Menschenwürde in einer solidarischen Weltgemeinschaft" und wird regelrecht bejubelt - die alte Nähe zwischen SPD und Kirchentag lebt an diesem Nachmittag in Halle 4.

Doch selbstverständlich ist sie lange nicht mehr. Man merkt es, wenn man mit den Kirchentagsteilnehmern spricht, ob mit Valentin und Johanna, den Studenten aus Heidelberg, oder mit Ruth Schwarzberg aus Meerbusch, die 81 Jahre alt ist und seit 30 Jahren Kirchentage besucht. Die aktuelle Politik ist nicht so wichtig, sagen sie, wir wollen Grundsätzliches hören, "das Wort Krise kann ich nicht mehr hören", sagt Ruth Schwarzenberg und lacht. "Es ist keine Politikfeindschaft," sagt Valentin, auch nicht Resignation, aber der Eindruck, man könne vielleicht die eigenen, kleinen Dinge beeinflussen, nicht aber den Lauf der Welt. Kapitalismuskritik, das ist ein Thema der entsprechenden Fachvorträge, doch die Krise ist hier, wo man bürgerlich ist und meistens Arbeit hat, ein fernes Wetterleuchten.

Eine eigene Welt ist er geworden, der Kirchentag, manchmal fern dem Treiben der Anderen. Am Eröffnungsabend versammeln sich 300 000 Menschen entlang des Stadtgrabens. Der Himmel glüht goldrot, Kerzenlichter sind zu sehen, ein tiefer Ton brummt übers Wasser, die Leute singen "Der Mond ist aufgegangen". Dann werden sie still. Von Ferne brüllt auf einmal eine andere Menge: Tor für Werder. Wie weit das weg ist, am Wasser bei Kerzenschein.

(SZ vom 22.5.2009/vw)

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Leserkommentare (4)



22.05.2009 09:40:13

derblauebarbar: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Kirchentage sind wirklich speziell. Sie spiegeln nicht die Alltagshaltung der Christen wider; das ist dort eine (inszenierte) Ausnahmesituation. Insofern muß man Kirchentagsauftritte und -aussagen auch nicht überbewerten. Ob sich auf dem Kirchentag wirklich eine bestimmte bürgerliche Schicht trifft (wo man noch Arbeit hat), möchte ich bezweifeln. Kirchentage sind zudem kein Nebenparlament und auch kein Indikator für die politische Meinung "der" Christen.

Ob mit Christen Staat zu machen ist, ist seit langem fraglich. Daß Christen die Zukunft jedenfalls auch nicht gleichgültig ist, ist mal tröstlich. Inwieweit sich daraus ein politisches Handeln herleitet, erweist sich im Einzelfall.


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