Der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama braucht Symbole für seinen Wahlkampf. Auf das Brandenburger Tor sollte er aber verzichten.
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Der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama will vor dem Brandenburger Tor eine Rede halten Foto: dpa
Der amerikanische Präsident wird in Amerika gewählt, nicht in Deutschland. Dies zur Erinnerung an alle, die schon jetzt in seliger Erwartung auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor campieren wollen, auf dass sie dem Heilsbringer Barack Obama nahe sein werden, wenn er nach Deutschland kommt.
Gewählt wird in Amerika - und die Zeit vor der Stimmabgabe nennt man Wahlkampf. Der noch nicht einmal offiziell nominierte Kandidat Obama kommt also im Wahlkampf nach Deutschland - und zwar nicht, um die Stimmen der Deutschen zu gewinnen (die er allemal hätte).
Dies zu erwähnen ist wichtig, weil in Berlin ein Fieber ausbricht, als würde das Schicksal der Nation von der Rede vor dem Brandenburger Tor abhängen. Für Barack Obama hängt indes etwas ganz anderes von dem Termin ab: sein Image. Obama hat das simple Interesse, dass ihn die Wähler in Idahoe und Mississippi als weltläufigen und außenpolitisch versierten Kandidaten akzeptieren. In dieser Hinsicht hat Obama nämlich weniger vorzuweisen als der republikanische Konkurrent John McCain.
Obama geht es um die Bilder und die Assoziationen. Seit Monaten stellt er sich schamlos in eine Reihe mit den Helden der amerikanischen Politik, tritt hier als Kennedy auf, dort als Lincoln oder Martin Luther King, und in Berlin möchte er offenbar Ronald Reagan imitieren. Der Kandidat macht nun Europa in zwei Tagen: Brandenburg Gate and Eiffel Tower mit frenetischem Publikum für den Wähler in Idahoe und Mississippi.
Es ist Kanzlerin Merkel nicht zu verdenken, dass sie sich ein wenig missbraucht vorkommt. Deutschland als Disney-Kulisse für den US-Wahlkampf - das hat sich noch kein Kandidat getraut. Hätte Obama ein wirkliches Interesse an den Inhalten, dann hätte er vier Jahre lang als Vorsitzender des Senats-Unterausschusses für Europa nach Berlin kommen können. Kam er aber nicht.
Andererseits ist es Außenminister Frank-Walter Steinmeier nicht zu verdenken, wenn er Obama reden lassen möchte. Ist ja auch ein schönes Symbol, eine kluge Investition in den potentiellen Wahlsieger. Und feiert nicht ständig irgendwer auf der Berliner Partymeile? Warum also nicht Wahlkampf? Berlin hat da keine Maßstäbe mehr.
Obama selbst ist es, der dem Spuk ein Ende bereiten sollte. Er bringt seine Gastgeber in die Bredouille, er missbraucht Außenpolitik für den Wahlkampf, weil es ihm nicht um Deutschland geht, sondern ums heimische Publikum. Er sollte in Berlin Merkel und Steinmeier treffen, eine Rede an einem wenig verfänglichen Ort halten und anschließend durch das Brandenburger Tor spazieren, was ebenfalls gute Bilder garantiert.
Er sollte aber nicht auch noch die Ikonographie der deutsch-amerikanischen Beziehungen vereinnahmen. Ein Kennedy ist er noch nicht, und auch kein Reagan. Er ist nur Wahlkämpfer. Eine Rede vor dem Brandenburger Tor würde lediglich von Hybris und Stillosigkeit zeugen.
(SZ vom 10.7.2008/ssc)
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