Gewalt ist Alltag im Irak - vor allem für Christen. Ihnen will der Bundestag nun einen Ausweg nach Deutschland ermöglichen.
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Irakische Christen beim Weihnachtsgottesdienst in Bagdad (Archivbild) Foto: dpa
Die Drohung war unmissverständlich: Erst entführten die Männer Salem Jajo, dann schlugen sie ihn, bis er bewusstlos wurde. Anschließend drangen sie in seine Wohnung in Bagdad ein, rissen Kreuze und Madonna von der Wand und stellten seiner Frau ein Ultimatum: Entweder treten Salem und seine Frau zum Islam über oder sie verschwinden aus dem Irak.
Die Jajos, die ihren richtigen Namen aus Angst nicht in der Zeitung lesen wollen, packten noch in der Nacht ihre Koffer und machten sich vor vier Monaten nach Europa auf. Jetzt lebt das junge Flüchtlingspaar in Deutschland.
"Leider ist Gewalt für viele Christen im Irak Alltag", sagt Pfarrer Peter Patto, der in München Flüchtlinge aus dem Land betreut. Sie gelten islamistischen Extremisten als Ungläubige und Kollaborateure der amerikanischen Besatzer.
Die Lage für die chaldäischen Christen im Irak ist vielerorts unerträglich geworden, das ist seit Jahren klar. Drei Priester sind laut Patto in den vergangenen Jahren geköpft worden, vor vier Wochen wurde der Erzbischof von Mossul entführt und ermordet.
Von den etwa 1,5 Millionen Christen, die vor der US-Invasion 2003 in dem Land lebten, hat nach Einschätzung der Evangelischen Kirche (EKD) die Hälfte bereits das Land verlassen. Sie sind meist in den Nachbarländern Syrien und Jordanien untergekommen, aber ihre Lage ist oftmals erbärmlich.
Die Vertreter der großen Kirchen in Deutschland reden deshalb seit Monaten auf Politiker in Berlin ein, um wenigstens einigen Tausend Glaubensbrüdern den Ausweg nach Deutschland zu ermöglichen. Die katholische Kirche lud Parlamentarier und Behördenvertreter vergangenen Oktober zu einer Reise in Flüchtlingsunterkünfte der Region ein, der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sagte in seiner Karfreitagspredigt, das Schicksal irakischer Christen gleiche "Völkermord" und "ethnischen Säuberungen".
Nun ist der Erfolg greifbar nahe. Im Bundestag hat das Anliegen parteiübergreifend Sympathie gefunden. Die Sprecherin der Union für Menschenrechte, Erika Steinbach, argumentiert, dass Hunderttausende Flüchtlinge die Konflikte im Irak in die Nachbarländer exportieren könnten. Hilfe beim Flüchtlingsproblem liege deshalb auch im eigenen Interesse.
Der Beitrag Deutschlands wäre überschaubar: Die Zahl von 30.000 Flüchtlingen haben die Kirchen genannt - meist gut ausgebildete Leute, wie es heißt. Offiziell wird das Anliegen noch "geprüft und beraten", intern hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Abgeordneten jedoch bereits sein Entgegenkommen angedeutet, heißt es aus Kreisen der Unionsfraktion. An diesem Mittwoch soll das Thema mit Schäuble im Menschenrechtsausschuss besprochen werden.
Im Gespräch ist eine Aufnahme der Iraker als sogenannte Kontingentflüchtlinge. Eine bestimmte Zahl von Christen und Angehöriger anderer religiöser Minderheiten würden mit einer Sondergenehmigung nach Deutschland reisen dürfen.
Bisher schaffen es Iraker allenfalls mit Hilfe eines Schleppers nach Europa, für etwa 10.000 Dollar. Bei der Kontingentlösung könnte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) die Flüchtlinge aussuchen, deutsche Behörden würden letztlich entscheiden, wer kommen darf.
In den achtziger Jahren hatte die Bundesrepublik auf diesem Weg Tausende Boat People aus Vietnam aufgenommen. Auch damals hatte eine US-Invasion ihrer Heimat zuvor die Freiheit bringen sollen.
(SZ vom 01.04.2008/bavo)



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