Auge um Auge, Zahn um Zahn

    Kommentar

    23.07.2006, 19:55

    Von Heribert Prantl

    Bomben auf Beirut, Krieg im Gaza-Streifen, hunderttausende auf der Flucht. Welche und wie viel Israel-Kritik ist in diesen Tagen in Deutschland erlaubt?

    Die Überschrift dieses Artikels ist antisemitisch. Sie findet sich, als Chiffre für Rachsucht und Vergeltung, Hochmut und Vernichtungswut, in jedem zweiten bösen Kommentar gegen Israel – „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

    Diese Regel steht im Alten Testament, und wer diesen Satz zur Erklärung der Situation im Südlibanon oder im Westjordanland gebraucht, unterstellt damit eine jüdische Mentalität, die von Moses bis Ehud Olmert reicht.

    Der biblische Satz wird so zur Formel für einen angeblich religiös-genetischen Defekt; und aus der Formel wird ein politisches Deutungsmuster dergestalt: „ ... so steht es im Alten jüdischen Testament und so praktizieren es die Israelis.“

    Verewigung eines mörderischen Konflikts

    Desaströse israelische Politik wird also als Ausfluss angeblich jüdischer Charaktereigenschaft verurteilt. Kritik solcher Art gibt es an den USA nicht, auch wenn die US-Regierung völkerrechtlich fast so jenseits von Gut und Böse agiert wie die israelische.

    Zahn um Zahn – die inflationäre (und falsche) Verwendung dieses Satzes (der eigentlich für die Verhältnismäßigkeit der Mittel plädiert) ist ein Beispiel dafür, wie Israel-Kritik sich auflädt, wie sie mit Stimulantien für negative Assoziationen arbeitet.

    Derer bedarf man nicht, um Israels Aggression im Libanon zu kritisieren, die sich als Rekrutierungshilfe für die Hisbollah erweisen wird. Man darf, muss es beklagen, dass Israel sich seine Feinde selbst züchtet und zur Verewigung eines mörderischen Konflikts beiträgt.

    Gegen islamistischen Fanatismus hilft israelische Selbstfanatisierung nicht. Und das Recht auf Selbstverteidigung kann nicht dazu führen, internationale Regeln wie den Schutz der Zivilbevölkerung außer Kraft zu setzen...

    Kritik ja, aber nicht selbstgefällig


    Solche Mahnung gehört zu der Solidarität mit Israel, wie sie der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert. Solidarität verlangt nicht ein „Ja und Amen“ zu Israels Politik in toto, wie das der Zentralrat gerne hätte, und schon gar kein „Bravo“, wie es sich der israelische Botschafter in Deutschland erwartet.

    Einen solchen Solidaritätszuschlag kann es nicht geben. In der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland haben sich die Gewichte bei der Bewertung des Nahost-Konflikts dramatisch verschoben: Vor fast vierzig Jahren, im Sechs-Tage-Krieg, trieb die Angst um das bedrohte Israel die Menschen zu Sympathie-Demonstrationen auf die Straße.

    Von dieser Sympathie ist nicht viel übrig geblieben; daran ist nicht allein Antisemitismus schuld. Heute dominiert die pauschale Verurteilung Israels.

    Zur notwendigen Korrektur dieser Schieflage tragen Forderungen nach bedingungsloser Solidarität mit Israel nicht bei. Israel-Kritik ist geboten. Aber: Nicht nur die deutsche Geschichte verbietet eine Kritik, die selbstgefällig, überheblich und diffamierend daherkommt.

    Solidarität mit Israel misst sich nicht an der Lautstärke von Kritik oder Beifall, sondern am deutschen und europäischen Beitrag zur Befriedung in Nahost. Praktische Solidarität wäre es, sich um einen Gefangenaustausch zu kümmern.

    (SZ vom 24.7.2006)

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