Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Demjanjuk gibt sich als gebrechlicher Greis im Krankenbett. Journalisten aus aller Welt protestieren gegen das Chaos rund um den Prozess.

John Demjanjuk; dpaBild vergrößern

Der mutmaßliche Kriegsverbrecher John Demjanjuk ließ sich am Nachmittag in einem Krankenbett in den Gerichtssaal fahren. Foto: dpa

Der Angeklagte hinterlässt einen schwächlichen Eindruck. John Demjanjuk, angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen im Jahr 1943, lässt sich im Rollstuhl in den Schwurgerichtssaal des Münchner Landgerichts fahren. Sein Mund ist geöffnet, die Augen geschlossen - so erlebt Demjanjuk die erste Sitzung des Kriegsverbrecherprozesses.

Die Sitzung ist in zwei Blöcke aufgeteilt, um den Greis nicht zu sehr zu strapazieren. Dennoch muss der Richter den Prozess um 14:10 Uhr, nur zehn Minuten nach Wiederbeginn, für eine halbe Stunde unterbrechen: Demjanjuk klagt über starke Rücken- und Kopfschmerzen. Er muss behandelt werden.

Er wird diesmal in einem Krankenbett in den Gerichtssaal gebracht. Sein Zustand wirkt noch labiler als am Morgen. Sein Körper ist in eine weiße Decke gehüllt. Sein Arzt kümmert sich um ihn, gibt ihm eine schmerzlindernde Injektion. Um 14:40 Uhr wird der Prozess fortgesetzt.

Im Video: In München hat der Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk begonnen.

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Das Gericht hört die Expertise zweier Mediziner: Eine Neurologin und ein Internist sagen aus, dass der 89-Jährige zwar gebrechlich, aber verhandlungsfähig sei. Ihr Urteil steht in krassem Gegensatz zu der augenscheinlichen Verfassung des Angeklagten.

Die anwesenden Prozessbeobachter lassen sich davon nicht täuschen. Einige tragen eine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Ein Mann beschimpft Demjanjuk auf Englisch. Viele machen Fotos, um ein Bild des Mannes festzuhalten, der ihre Verwandten ins Gas getrieben haben könnte.

Laut Staatsanwaltschaft soll Demjanjuk im Sommer 1943 im deutschen Vernichtungslager Sobibor in Polen Tausende Juden aus Deportationszügen in die Gaskammern getrieben haben. 1942 geriet der Angeklagte auf der sowjetischen Halbinsel Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach wenigen Wochen holten ihn SS-Offiziere in das Ausbildungslager Trawniki in Polen. 1943 soll er als Wächter in Sobibor eingesetzt gewesen sein.

Der Prozess hat Beobachter und Journalisten aus aller Welt veranlasst, nach München zu kommen. Das Landgericht ist diesem Ansturm nicht gewachsen.

Seit fünf Uhr in der Kälte

Schon am Morgen drängen sich mehr als 200 akkreditierte Journalisten vor dem Gebäude, um einen der 68 begehrten Presseplätze im Gerichtssaal zu ergattern. Einige Reporter stehen bereits seit kurz vor fünf Uhr in der Kälte - die meisten stellen sich gegen sieben für das Verfahren an, das um zehn Uhr eröffnet werden soll.

Um 7:15 Uhr werde das Gerichtsgebäude geöffnet, wurde vor dem Prozessauftakt bekanntgegeben. Doch kurzfristig entschließt sich das Gericht, wegen des großen Ansturms die Demjanjuk-Prozessbeobachter erst gegen neun Uhr in das Gerichtsgebäude einzulassen. Unter den Medienvertretern herrscht absolutes Unverständnis, immer wieder sind Pfiffe zu hören, es wird gedrängelt und geschubst.

Vor allem Journalisten, die aus den Niederlanden, den USA und aus Großbritannien extra wegen des Prozesses nach München gereist sind, können es nicht fassen. Oene van der Wal vom niederländischen Nachrichtenmagazin Elsevier ist wütend: "Die ganze Organisation ist lächerlich, unprofessionell und chaotisch. Ich habe keinen guten Eindruck von der Münchner Justiz gewonnen."

"Wir protestieren aufs Schärfste"

Auch die anderen sind erbost. Für was habe es denn Wochen vor der Verhandlung ein langwieriges Akkreditierungsverfahren gegeben, fragen sich die Medienvertreter. So etwas habe man auch in großen Prozessen wirklich noch nie erlebt, ist der allgemeine Tenor.

Unter den Wartenden wird schließlich eine Resolution aus der "Demjanjuk-Sammelzone" herumgereicht, auf der die meisten auch sofort empört unterschreiben. Auf dem Papier heißt es: "Hiermit protestieren wir aufs Schärfste gegen die unprofessionelle Organisation.“ Immer wieder sind Sprechchöre zu hören: "Aufmachen, aufmachen!"

Auch Friedman verliert die Nerven

Auch der Publizist Michel Friedman, der als Berichterstatter für eine große Sonntagszeitung den Prozess verfolgen will, verliert in der wartenden Menge langsam die Nerven und beklagt "die unprofessionelle Vorbereitung des Gerichts".

Als gegen 9:00 Uhr eine Tür des Haupteingangs geöffnet wird, geht es im Gebäude kaum besser weiter. Jeder muss sich einer ersten und anschließend noch einer zweiten, etwas gründlicheren, Sicherheitskontrolle unterziehen. Schließlich müssen noch an einer Garderobe Handys und Laptops abgegeben werden, jeder einzelne Personalausweis oder Reisepass wird kopiert.

Durch einen eigens für den Ansturm auf den Demjanjuk-Prozess aus Holzbrettern gezimmerten Gang schieben und drängen sich die Journalisten von Station zu Station. Die meiste Zeit geht gar nichts vorwärts. Überforderte Polizisten brüllen in die Menge, es solle doch nicht gedrängelt werden. Wütende Journalisten äußern wieder und wieder ihren Unmut über die Zustände.

Mehr als eine Stunde Verspätung

Noch einmal zwei Stunden dauert es schließlich innerhalb des Gerichtsgebäudes, bis die Medienvertreter und Prozessbeobachter in den Gerichtssaal vorgelassen werden. Die Verhandlung beginnt mit mehr als einer Stunde Verspätung - etwa 20 internationale Medienvertreter schaffen es nach Angaben des Sicherheitspersonals nicht, in den vollbesetzten Saal zu kommen.

Als sich der Vorsitzende Richter Ralph Alt zum Verhandlungsauftakt für die Verspätung entschuldigt und anführt, das Gericht habe die Dauer des Einlassprozesses zuvor einfach nicht abschätzen können, brandet im Zuschauerraum höhnisches Gelächter auf.

Der erste Prozesstag endet um 15:45 Uhr. Am Dienstag soll die Verhandlung erneut um zehn Uhr beginnen. Die Beobachter richten sich auf ein neuerliches Gedränge ein - dass die Organisatoren das Chaos schnell in den Griff bekommen, erwartet kaum jemand.

(sueddeutsche.de/ddp-bay/AP/pak/jab/mikö)