Von Annette Ramelsberger

Bei der Gefahrenabwehr will er viel, und viele trauen dem CDU-Politiker noch mehr zu - dies ist das einzige Risiko, das Innenminister Schäuble gerne in Kauf nimmt.

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Ist wegen seiner Pläne zur Sicherheitspolitik umstritten: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) Foto: AP

Dagmar König ist eine dieser Frauen, auf die sich die CDU verlassen kann. Eine kleine, feste Frau, tief verwurzelt in der Partei. Aktiv im Vorstand des Ortsverbands Charlottenburg-Wilmersdorf, aktiv im Bundesvorstand der Christlichen Arbeitnehmer. Längst hat sie die Ehrenurkunde für die 25-jährige Mitgliedschaft im Schrank.

Nun steht diese Frau im großen Saal des Rathauses Charlottenburg in Berlin und stellt dem Mann da vorne eine Frage: Mit Verlaub, den Kampf um die Sicherheit in Zeiten der Terrorgefahr sehe sie ein: "Aber müssten Sie nicht deutlicher machen, wo die Grenzen der Überwachung sind? Mich erinnert das alles ein bisschen an George Orwell." Der Mann da vorne blickt sie mit schräg geneigtem Kopf lange an.

Dagmar König hat wie viele in ihrer Jugend den Roman "1984" von George Orwell verschlungen, diese Vision einer total überwachten Gesellschaft, in der staatliche Mikrophone sogar die Liebespaare im Park belauschten und Kameras jeden Schritt der Bürger verfolgten. Der "große Bruder" sitzt in dieser Welt hinter all den Mikros und Kameras und will sogar die Gedanken der Bürger kontrollieren. Man kann Dagmar König geradezu ansehen, wie sie mit dem Gefühl ringt, dass da vorne nicht der große Bruder sitzt, sondern ihr Parteifreund, der von ihr geschätzte Innenminister Wolfgang Schäuble.

Das Gefühl, dass alles möglich ist

"Diese Ängste gibt es", antwortet Schäuble. "Sie sind nicht berechtigt, aber es ist wahr: Sie sind da." Es klingt nicht so, als wollte er nun inniglich um Dagmar König werben und ihre Ängste zerstreuen. Es klingt ein wenig müde, vielleicht sogar ein wenig genervt. Oft hat er nun schon auf solche Fragen geantwortet.

Er sagt: "Wir haben Kfz-Kennzeichen, und trotzdem ist nicht jeder Autofahrer verdächtig. Wir haben ein Melderegister, und keiner fühlt sich davon überwacht. Wir müssen auch im Internet fahnden können, dafür brauchen wir die Online-Durchsuchung. Aber nicht flächendeckend", betont er. "Und nur, wenn ein Richter es erlaubt."

Dagmar König will ihrem Innenminister gerne glauben, diesem Mann, den sie als Visionär, als Vordenker kennengelernt hat. Als einen, der für Europa ficht, der die CDU vorangebracht hat, der schon ein modernes Familienbild hatte, als die Kanthers und Dreggers und Kohls noch die Frau am Herd propagierten, die "Famillje". Dagmar König hält viel von Schäuble, schon lange. Und doch steht sie nach seiner Rede ein wenig hilflos auf dem Flur. "Man kriegt so das Gefühl: Alles ist möglich. Er selbst hat die Grenzziehung sicher im Kopf", sagt sie. "Aber das kommt nicht rüber."

Innerhalb eines Jahres ist aus dem Vordenker Schäuble, aus diesem über alle Maßen erfahrenen, dem geachteten, aber auch geprüften Politiker ein Mann geworden, dem viele vieles zutrauen. Manche sogar alles: Dass er die Verfassung zu Tode schützen, flächendeckend private Computer durchsuchen, selbst Pfarrer und Anwälte abhören lassen will. Dass ihm die Unschuldsvermutung nichts gilt und er Terroristen gezielt töten will. Ein Mann, den der SPD-Abgeordnete Klaus Uwe Benneter im Bundestag als "verrückt" bezeichnet hat, getrieben von "Wochenendfrust".

Krankhafte Schreckhaftigkeit

Auf der Theresienhöhe in München verteilen Demonstranten Fahndungsaufrufe: Ein Foto von Schäuble, darüber steht groß "Terrorist". Das Fragezeichen dahinter ist sehr klein. "Sachdienliche Hinweise" werden erbeten, auf "Wolfgang Schäuble, geboren am 18.September 1942 in Freiburg, z. Z. Innenminister". Viele Studenten sind hier, die wissen, was technisch machbar ist und ihre persönliche Freiheit bedroht sehen. Einer nennt sich "Oblitor", das ist sein Internet-Pseudonym, seinen echten Namen mag er nicht preisgeben.

Sonst ist er weniger zurückhaltend. Was es zu Schäuble zu sagen gebe, stehe alles in einem Internetforum, das müsse man lesen, empfiehlt er. Dort steht dann, dass Schäubles "auffällige" Politik nur durch Krankheit zu erklären sei, dass er offensichtlich an einer posttraumatischen Belastungsstörung durch den Anschlag auf ihn leide, das erkläre seine "Hypervigilanz", eine krankhafte Schreckhaftigkeit. Es hört sich an, als müsse Deutschland leiden an der Angst des Ministers. Ein Argumentationsmuster, das nun immer öfter auftaucht.

Schäuble hat alles getan, damit das Attentat vor 17 Jahren nicht sein Leben bestimmt. Sechs Wochen nach dem Anschlag im Herbst 1990 begann er wieder zu arbeiten. Seither war er Unions-Fraktionschef im Bundestag, CDU-Vorsitzender, Anwärter auf die Kanzlerschaft, Aspirant für das Bundespräsidentenamt. "Er wäre der richtige Kanzler gewesen, auch der richtige Bundespräsident", sagt sein jüngerer Bruder Thomas Schäuble. Der war früher selbst Innenminister, in Stuttgart, jetzt leitet er die Rothaus-Brauerei im Schwarzwald.

Er lächelt unergründlich

Sein Bruder Wolfgang habe die "seltene Gabe, sich mit seinem Geschick abzufinden. Er hat es akzeptiert und trauert dem nicht nach", sagt Thomas Schäuble. Irgendwann hat der jüngere Schäuble das Pensum, das ein Minister zu bewältigen hat, als Last empfunden und ist aus der Politik ausgestiegen. Sein älterer Bruder aber macht unbeirrt weiter. Mit eiserner Disziplin, mit voller Belastung. Nur wenn es ums Beifall-Klatschen geht, hält sich Schäuble oft zurück. Weil Klatschen schwierig ist für einen, der die Arme braucht, um den Oberkörper auszubalancieren. Er lächelt dann lieber. Unergründlich sieht er dann aus. Wie eine Sphinx.

Auch bei der CSU in München klatscht Schäuble an diesem Januartag nur spärlich Beifall. Vermutlich drängt es ihn auch nicht. Die CSU-Redner sprechen gerade von "multikriminellen Jugendlichen", von "gescheiterter Multikulti-Politik", von dem Überfall in der U-Bahn. Schäuble soll den geistigen Überbau liefern. Und sagt dann Sätze, die sie hier nicht erwarten. "Wir dürfen die Ausländer nicht unter Generalverdacht stellen", sagt Schäuble. "Die Verschiedenheit ist Bereicherung." Türkische Mütter sollten gemeinsam mit ihren Kindern Deutsch lernen. Der Staat müsse diesen Familien dabei helfen. Kein Wort zu härteren Strafen. Man meint, leise Enttäuschung bei den Gastgebern zu spüren.

"Der ist gar kein solcher Hardliner, wie ich immer gedacht habe", sagt Christian Witlowski, der mit seiner Frau gekommen ist, sich "den Schäuble" anzusehen. Die beiden haben all die Sätze im Ohr, die Schäuble in den letzten Monaten fallenließ: Die Warnung vor der schmutzigen Bombe, mit dem dahingesagten Rat garniert, man solle sich die "verbleibende Zeit" nicht durch Weltuntergangsstimmung verderben. Dann die Bemerkung, der Rechtsstaat sei dem Terror nicht mehr gewachsen. Und die in den Raum gestellte Frage, ob man Osama bin Laden gezielt töten dürfte, wenn man ihn fände.

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