Wolfgang Clements Querschuss gegen die SPD belegt die Nervosität der Energiekonzerne. Diese kämpfen mit allen Mitteln für die Kernkraft - weil sie um ihre Zukunft bangen.
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Spricht als Aufsichtsrat des Energieerzeugers RWE Power: Der frühere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Foto: ddp
Politische Meinungen sind häufig eine Frage von Funktionen. Noch vor drei Jahren verteidigte der SPD-Minister Wolfgang Clement Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft. 2008 verteufelt er ihn - als Aufsichtsrat des Kernkraftbetreibers RWE Power.
Man mag von derlei Biegsamkeit halten, was man will, auch Clement muss das mit sich selbst ausmachen. Als Aufsichtsrat aber hat er nur seine Pflicht getan: Er kämpft um die Zukunft seines Unternehmens.
Um nicht weniger geht es bei der Frage, ob Deutschland an den Ausstiegsplänen festhält. Auf dem Spiel stehen festgefügte Strukturen von Macht und Märkten, stehen komplette Geschäftsmodelle der vier großen Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall Europe und EnBW. Nichts ist für sie mehr sicher: Der Wettbewerb kommt zusehends in Schwung; mindestens RWE und Vattenfall hat er auf dem falschen Fuß erwischt.
Die EU-Kommission nagt am Einfluss der Konzerne auf ihre Energienetze. Der Stromaustausch zwischen Nachbarstaaten wächst und löst alte Marktschranken auf. Der Klimaschutz verteuert die Erzeugung des schädlichen Kohlestroms. Dass die Deutschen tatsächlich aus der Kernkraft aussteigen, hätte den Konzernen gerade noch gefehlt.
Ypsilanti schürt Nervosität
Da gibt es allen Grund zur Nervosität, wenn in Hessen eine Politikerin wie Andrea Ypsilanti plötzlich Terrain gewinnt. Ausgerechnet gegen Roland Koch, der unverblümt den Neubau von Atomreaktoren verlangt. Und ausgerechnet mit einem "Energieprogramm", das Kernkraft durch erneuerbare Energie ersetzen will.
Es ist in vielerlei Hinsicht ein Kampf des Gestern gegen das Morgen. Gestern, das sind Kraftwerksparks allein aus Riesenanlagen; das ist die separate Erzeugung von Strom und Wärme - das eine in Kraftwerken, das andere im heimischen Heizkeller; das ist die Abhängigkeit vieler Stromkunden von wenigen Anbietern. Gestern, das ist die Welt der vier Energiekonzerne.
Zukunft: Erneuerbare Energie
Die Zukunft könnte dezentralen Energieformen gehören, kleinen Kraftwerken, die ihre Umgebung mit Strom und Wärme versorgen, dazu mehr Solarenergie und Erdwärme, auch mehr Windstrom. Intelligente Stromzähler könnten den Verbrauch steuern, könnten Kunden mit dem jeweils günstigsten Strom versorgen. Deutschland könnte weniger Energie brauchen, Strom könnte sauberer werden und weniger riskant.
Könnte, könnte, könnte. Wie der Kampf ausgeht, ist ungewiss. Nicht von ungefähr ertönt mittlerweile wieder das Lied von der drohenden Energieknappheit, angestimmt von der Branche selbst. Knappheit klingt fast schon nach Stromausfall, das ängstigt die Deutschen und lässt sie zweifeln - auch am Ausstieg. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Investoren zögern noch
Einen Mangel an Alternativen und Technologien gibt es gewiss nicht, stattdessen mangelt es an Investoren. Die müssten nämlich darauf vertrauen, dass ein einmal gefasster Ausstiegs-Beschluss von Dauer ist. Dass nicht 2010 schon eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke ihre Millionen entwertet, weil plötzlich viel mehr Strom am Markt ist als ursprünglich kalkuliert. Die Zurückhaltung trifft ausländische Investoren ebenso wie Stadtwerke, effiziente Kleinkraftwerke genauso wie Windparks.
Kurioserweise geht damit das Kalkül der etablierten Betreiber voll auf. Jede Stichelei gegen den Atomausstieg trägt zu jenem Kraftwerksengpass bei, der später einmal als Argument für neue Kernkraftwerke dienen wird - und zur Existenzsicherung jener vier Unternehmen, die derzeit drei Viertel allen Stroms im Lande erzeugen. Wolfgang Clements Rollenwechsel, der die atomkritische Haltung der eigenen Partei unterminiert, war einfach nur besonders pikant.
Niemand hat behauptet, dass der Ausstieg leicht wird für das Industrieland Deutschland. Er ist aber leichter, als interessierte Kreise es gerne glauben machen. Man muss nur wollen.
(SZ vom 22.01.2008/maru)





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