Angela Unbekannt
Kanzlerkandidatin
30.05.2005, 19:18
Die Kanzlerkandidaten der Union von 1949 bis heute, Reihe oben, l-r: Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Rainer Barzel; untere Reihe, l-r: Franz Josef Strauß, Helmut Kohl, Edmund Stoiber und Angela Merkel. (Foto: dpa)
Angela Merkel kann lächeln, ganz unbefangen, gelöst heiter und gewinnend sympathisch: Seitdem die CDU-Vorsitzende sichere Kanzlerkandidatin ist, fällt an ihr plötzlich eine entspannte, offene Fröhlichkeit auf.
Und seit Tagen saugen sich die Kameras an diesem Lächeln fest, als ob darin endlich ein Zipfelchen von ihrer natürlichen Persönlichkeit zum Vorschein gekommen sei; als könne das den Bürgern ein wenig helfen, die Frau kennen zu lernen, deren Karriere ein politisches Paradoxon ist:
Sie schickt sich an, eine der größten Sensationen der Geschichte der Bundesrepublik zu vollbringen und als erste Frau und erste Ostdeutsche Kanzlerin zu werden – und ist doch für viele fremd, zumindest schwer durchschaubar.
Selbst aus ihrer eigenen Partei, noch mehr aus der bayerischen Schwester CSU, ist oft zu hören, dass man wohl Merkels Führung spüre, sie aber nicht richtig kenne. So ist die K-Frage der Union im Grunde weiter offen. Nur geht es nicht mehr darum, wer die Kandidatur übernimmt.
Die K-Frage ist nun: Wer ist diese Kandidatin, wofür steht sie? Das Rätsel beschränkt sich nicht allein auf Merkels Person. Sie ist stets als Politikerin wahrgenommen worden, die Rollen wahrnimmt und ausfüllt, gelegentlich vielleicht sogar ausprobiert:
Richtungsweiser: Kanzlerkandidatin Angela Merkel und Kanzlerkandidat a.D. Edmund Stoiber. (Foto: dpa)
Zunächst als Trümmerfrau der Spendenaffäre, danach für einen Sommer als radikale Reformerin, die sich aber, als es mit der Gesundheitsprämie schief ging, in eine Camouflage flüchtete.
Es hat durchaus sympathische Züge, dass Merkel bei ihrer Selbstdarstellung in jeder Hinsicht zur Zurückhaltung neigt. Doch oft drückt sich das, auch politisch, in extremer Vorsicht aus. Nicht wenige ihrer Parteifreunde klagen über eine extrem misstrauische Angela Merkel.
Wenn die Parteichefin sich öffnete, so geschah das oft erkennbar geplant und kontrolliert, wie auf dem letzten CDU-Parteitag, als sie sehr bewusst und wohldosiert von ihrer Biografie in Ostdeutschland referierte. Es gelang ihr gleichwohl nicht, dem Land eine markante Geschichte von sich zu erzählen.
Ihr Image reduziert sich auf Klischees, die ihrem Intellekt und ihrer Gestaltungslust nicht gerecht werden. Brutales Machtbewusstsein und bitterer Ernst allein hätten ihr kaum die einzigartige Laufbahn ermöglicht.
Bis zuletzt weigerten sich viele Beobachter, in ihr mehr zu sehen als eine Übergangskandidatin. Man hielt an der gedanklichen Variante fest, dass Merkel, wenn es darauf ankommt, noch von einem der ehrgeizigen Männer aus der Riege der Ministerpräsidenten beiseite geschoben würde.
Hinzu kommt, dass es manchem Westdeutschen schwer fällt, die eindeutig andere Biografie der Ostdeutschen einzuordnen; insbesondere, weil Merkel keine Heldenstory der Wende verkörpert.
Sie stand nicht in der ersten Reihe, als die DDR aus den Angeln gehoben wurde, aber hat doch damals offenbar einen ehrbaren eigenen Weg gefunden, halb am Rande, halb in dem von ihr abgelehnten sozialistischen Staat.
Heute hat sie durchaus eine faszinierende Geschichte zu bieten – sie führt in fünfzehn Jahren von der weitgehend unpolitischen, zumindest politikfernen Physikerin an die Schwelle des Kanzleramts.
Doch auch auf diesem Weg hat Merkel zwei persönliche Merkmale, die ihrer Kandidatur etwas Besonderes geben, bewusst zu Randaspekten erklärt: Dass sie aus dem Osten kommt, ist ihr nicht mehr anzumerken. Dass sie Frau sei, so betont sie stets, spiele für sie keine Rolle.
Mag sein, dass sie ohne diese Anpassung ihren Weg nie hätte gehen können. Aber wenn so wichtige Züge zur Nebensächlichkeit erklärt werden, kann es nicht überraschen, dass ihr Bild so unklar erscheint.
Ihr bisheriges politisches Wirken nährt den Verdacht, dass sie sich inhaltlich ungern festlegen will, dies aber hinter einer Rüstung verbirgt. Das Schicksal der Gesundheitsprämie erscheint da als exemplarisch.
Hier steht Merkel vor ihrer größten Prüfung: Es kann eben nicht darum gehen, ob unter ihrer Führung unhaltbare Formelkompromisse geschmiedet werden.
Es kommt auch nicht darauf an, ob sie sich, was sie mehrmals unter Beweis gestellt hat, in Machtfragen durchsetzen kann. Es geht vielmehr darum, ob sie das Geschick hat, Inhalte praktisch zu Politik zu machen.
Das Land muss schon im Wahlkampf erfahren, mit welchen Mitteln die Kanzlerkandidatin ihre Ankündigung einer Erneuerung der Marktwirtschaft umsetzen will: Plant sie eine Mehrwertsteuererhöhung? Gibt es eine große Steuerreform?
Es geht nicht allein darum, dass es unehrlich wäre, den Bürgern nicht anzukündigen, was sie als Kanzlerin vorhat. Das könnten die Wähler durchschauen. Das Problem ist, dass Politiker das, was sie nicht klar angekündigt haben, oft nach der Wahl auch nicht konsequent umsetzen können.
Merkel darf es sich deshalb nicht leisten, dass die Riege ihrer Ministerpräsidenten jetzt alle möglichen Forderungen in Umlauf bringt, ohne dass sie sich erklärt – ganz so, als wollten sie demonstrieren, dass es ihnen egal ist, wer unter ihnen Kanzlerin ist. Machtpolitisch mag das zunächst nicht gefährlich sein, inhaltlich aber doch.
Als politisch Unbekannte kann Angela Merkel Kanzlerin werden; das Land regieren kann sie aber so nicht.
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