Von Nico Fried

Ungeachtet des jüngsten Entführungsfalls erwägt die Große Koalition eine Ausweitung des deutschen Militäreinsatzes. Unterdessen gibt es ein Lebenszeichen der deutschen Geisel Rudolf B. aus Ottobrunn.

Ungeachtet des jüngsten Entführungsfalls und der gefährlichen Sicherheitslage in Afghanistan erwägt die Große Koalition eine Ausweitung des deutschen Militäreinsatzes in dem Land. Union und SPD denken vor allem über zusätzliche Anstrengungen bei der Ausbildung afghanischer Soldaten nach.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte am Montag nach einer Schaltkonferenz des Parteipräsidiums: "Wir wollen eine zweite Aufbauwelle in Afghanistan.“ Es werde noch zu besprechen sein, ob dafür auch eine Entsendung von mehr Bundeswehr-Soldaten insbesondere für die Ausbildung der afghanischen Armee notwendig sei. Entscheidend sei, dass die Maßnahmen zielgerichtet seien, sagte er.

Zuvor hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel ein stärkeres Engagement nicht ausgeschlossen: "Wir werden mit dem Verteidigungsminister und natürlich auch mit den Afghanen noch einmal sprechen“, sagte die Kanzlerin mit Blick auf Überlegungen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), die Ausbildungshilfe zu vergrößern.

Deutsche Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans (Archivfoto). Foto: dpa

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) lehnt es bislang ab, zusätzliche Soldaten zur Ausbildung nach Afghanistan zu schicken, wenn diese dann möglicherweise mit afghanischen Einheiten in den besonders umkämpften Süden ziehen müssten.

Merkel: "Ohne Sicherheit kein Aufbau von Strukturen"

Dagegen zeigte sich der Obmann der Unionsfraktion im Auswärtigen Ausschuss, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), offen für mehr deutsche Ausbilder und auch für deren mögliche Entsendung in den Süden: Es könne nicht nur ein "Training im luftleeren Raum“ geben, sagte Guttenberg.

Merkel bekräftigte in der ARD besonders die Bemühungen der Bundesregierung, die zivile Aufbauarbeit und deren militärische Sicherung besser zu kombinieren. "Ohne Sicherheit kann der Aufbau von Strukturen nicht gelingen“, sagte Merkel. Darüber will die Kanzlerin an diesem Dienstag auch mit dem UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Tom Koenigs, sprechen.

Koenigs hatte sich am Wochenende im Lichte des jüngsten Entführungsfalles für eine Fortsetzung des deutschen Engagements in Afghanistan ausgesprochen. In der Vergangenheit hatte Koenigs zudem gefordert, dass auch die Bundeswehr in den Süden des Landes ziehen müsse.

Der Kommandeur der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf, der amerikanische General Dan McNeill, forderte generell mehr Bundeswehr-Soldaten für Afghanistan. Ein bis zwei zusätzliche Bataillone wären "einfach eine hervorragende Ergänzung“, sagte er. Er verwies auf die "wunderbare Wirkung“ der Bundeswehr-Truppe in Nordafghanistan. Auch an andere europäische Staaten appellierte er, sich stärker zu engagieren. Am Montag wurde bekannt, dass Isaf-Truppen bei einem Artilleriebeschuss in der ostafghanischen Provinz Kunar versehentlich ein Kind getötet haben.

Obduktion soll Todesursache von Rüdiger D. klären

Im Fall des entführten Bauingenieurs Rudolf B. gibt es mittlerweile ein Lebenszeichen. Am Sonntag wurde ein telefonischer Kontakt mit ihm hergestellt. Dennoch wachsen die Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Rudolf B., dessen Familie nach Angaben aus Sicherheitskreisen in Ottobrunn bei München wohnt, ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung 62 Jahre alt. Offenbar ist die Geisel durch mehrere Ortswechsel der Entführer starken Strapazen ausgesetzt.

Der Tod seines Kollegen Rüdiger D. ist weiter ungeklärt. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass die Leiche Schusswunden aufweise. Laut Spiegel Online soll ihm mehrmals in die Brust geschossen worden sein.

In Berlin war man bislang davon ausgegangen, dass Rüdiger D. während eines Fußmarsches zusammengebrochen und gestorben ist. Die genaue Todesursache soll nun eine Obduktion in Deutschland klären.

(SZ vom 24.7.2007)