Der Publizist und Schriftsteller Ralph Giordano über Oettingers Glaubwürdigkeit, den Ekel der wahren Widerstandskämpfer und seinen neu erwachten Fluchtinstinkt.
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Ralph Giordano Foto: AP
Ralph Giordano, 84, lebt und arbeitet in Köln. Als Kind einer deutschen Jüdin entkam er den Nazis nur Dank der Hilfe einer Hamburger Familie.
sueddeutsche.de: Herr Giordano, Günther Oettinger hat sich via Bild-Zeitung für seine umstrittene Trauerrede auf Hans Filbinger entschuldigt. Ist die Sache damit ausgestanden?
Ralph Giordano: Oettingers Entschuldigung ist völlig unglaubwürdig. Er geht von seinen Positionen keinen Jota ab. Dieser Mann wird über 60 Jahre nach Kriegsende von Oettinger auf eine Weise geehrt, die unsäglich ist. Wer weiß, was es bedeutet hat, unter den Nazis Widerstand zu leisten, der kann sich nur zutiefst angeekelt fühlen, wenn Oettinger Filbinger in die Nähe des Widerstandes rückt. Filbinger war ein regierungstreuer Richter, er war Teil des Systems. Er hat – um es vorsichtig zu sagen – an Todesurteilen mitgearbeitet. Was sich da tut im Jahr 2007 zeigt, dass Hitler zwar militärisch geschlagen ist, aber in den Köpfen noch lange nicht.
sueddeutsche.de: Oettinger sagt, man sollte einem Menschen nicht sein Leben lang für Fehler haftbar machen, die er möglicherweise in jungen Jahren begannen habe.
Giordano: Das ist wahr, und es gibt Menschen, auf die das zutrifft. Ich habe mehr als einmal ehemaligen Nazis die Hand gegeben. Aber das waren Menschen, die ehrlich mit sich ins Gericht gegangen sind und ihre eigene Rolle in der Nazi-Zeit aufgearbeitet haben. Das war für viele ein schmerzhafter Prozess. Das geht nicht ohne Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit.
sueddeutsche.de: Und Filbinger?
Giordano: Von Filbinger ist nicht bekannt, dass er je irgendetwas bereut hat von dem, woran er beteiligt gewesen ist. Im Gegenteil. Er hat gesagt: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Richtig ist der Satz umgekehrt: Was damals Unrecht war, wird in alle Ewigkeit Unrecht bleiben.
sueddeutsche.de: Filbinger hat zu Lebzeiten eine eigene Website ins Netz stellen lassen, auf der der jüdische Jurist Ernst Hirsch und der Historiker Golo Mann als seine Fürsprecher vorgestellt werden. Beide sagen, Filbinger hätte keinen Einfluss auf das von ihm unterzeichnete Urteil gegen den Matrosen Hans Gröger gehabt. Muss Filbingers Rolle vielleicht doch differenzierter gesehen werden?
Giordano: Überhaupt nicht. Selbst wenn er an keinem Todesurteil beteiligt gewesen wäre, er war ein Marinerichter unter Hitler und damit eines der größeren Rädchen im Getriebe. Dass allerdings Golo Mann ihn verteidigt hat, entsetzt mich noch heute. An meinem Urteil über Filbinger ändert das nichts.
sueddeutsche.de: Oettinger hat vor allem in seinen eigenen Reihen Rückhalt bekommen. Georg Brunnhuber, Chef der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg im Bundestag, sagte, die „überbordende Kritik“ des Zentralrats der Juden an Oettinger führe eher dazu, dass die Leute sagten, Oettinger habe Recht. Sind das Einzelfälle?
Giordano: Nein. Da spricht der deutsche Konservatismus. Der ist immer zwielichtig gewesen in seiner Auseinandersetzung, oder besser Nichtauseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Ich werde hier bleiben, aber was ich da hören muss, appelliert in einer Weise an meinen Fluchtinstinkt, dass ich selbst erschrocken darüber bin.
sueddeutsche.de: Was haben Sie gedacht im ersten Moment?
Giordano: Bloß weg von diesem Deutschland, in dem es möglich ist, dass der Zentralrat der Juden aufgefordert wird, stumm zu bleiben und nichts zu sagen, weil das möglicherweise den Antisemitismus befördern könnte. Dieses Deutschland, das sage ich im 63. Jahr meiner Befreiung, dieses Deutschland ist mit seiner NS-Vergangenheit nicht im Reinen.
(sueddeutsche.de)



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