Rassismus aus Tradition

    Australien

    14.12.2005, 18:04

    Von Urs Wälterlin

    Fremdenfeindliche Sprüche sind längst nicht mehr nur am Stammtisch zu hören. Rassismus ist in Australien gesellschaftsfähig geworden. Die Unruhen in Sydney haben den Mythos eines multikulturellen Landes zerstört.

    Im Badeort Cronulla begehrt ein weißer Demonstrant gegen die Polizei auf. Vergangene Woche kam es in Cronulla zu gewalttätigen Ausschreitungen von Weißen gegen arabisch-stämmige Australier. (Foto: AP)

    Am Strand von Cronulla im Süden der australischen Stadt Sydney patrouillieren Gruppen schwer bewaffneter Polizisten zwischen wenig oder gar nicht bekleideten Bade-Schönheiten. Hier mal ein verstohlener Blick, da mal ein verschmitztes Lächeln. Doch die Urlaubsidylle trügt. Cronulla ist im Belagerungszustand. Die Restaurants sind leer. Beamte kontrollieren jeden, der an den Strand will.

    Die Polizei bereitet sich vor auf eine weitere Welle von Gewalt, getrieben von Rassismus und Ignoranz. Mit neuen Vollmachten ausgestattet, sind die Beamten fest entschlossen, es nicht zu einer Wiederholung der Massenkrawalle vom Wochenende kommen zu lassen.

    Die Kämpfe zwischen Tausenden Cronulla-Bewohnern britischen und irischen Ursprungs und libanesischstämmigen Australiern aus ärmeren Vororten im Westen der Stadt hatten am Sonntag begonnen. Am Strand von Cronulla hatten sich mehr als 5000Menschen versammelt, um gegen einen angeblichen Angriff von Libanesen auf zwei Rettungsschwimmer zu protestieren.

    Neue Ausschreitungen befürchtet

    Dabei attackierten sie wahllos Menschen arabischer Herkunft und skandierten fremdenfeindliche Parolen. In den folgenden beiden Nächten kam es zu Racheaktionen überwiegend libanesischstämmiger Jugendlicher. Bei den Krawallen wurden Dutzende Menschen verletzt, Geschäfte verwüstet und Hunderte Autos beschädigt. In der Nacht zum Mittwoch ging eine Kirche in Flammen auf, wahrscheinlich ein Racheakt randalierender libanesisch-australischer Jugendlicher.

    Für das Wochenende wird eine Wiederholung der Ausschreitungen befürchtet. Das Feuer droht sich auszubreiten: In mehreren Städten riefen weiße Australier dazu auf, Australien gegen den „muslimischen Abschaum“ zu verteidigen.

    Cronulla ist der spektakuläre Zusammenbruch eines Mythos. Über Jahrzehnte hatte Australien der Welt – und sich selbst – ein Bild der Harmonie zwischen den Rassen vorgegaukelt. Bis zu einem gewissen Punkt trifft diese optimistische Darstellung auch zu. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat das Land Millionen Menschen aus aller Welt aufgenommen.

    Die verschiedensten Kulturen lebten und leben in bemerkenswerter Harmonie zusammen. Seien es Italiener, Vietnamesen oder Vertreter einer Vielzahl anderer Kulturen: Nach ein paar Jahren integrierten sie sich in ihrer neuen Heimat. Viele Australier ausländischen Ursprungs sind größere Patrioten als die klassischen „Aussies“, jene Nachkommen der ersten Weißen, der Sträflinge und Siedler britischer und irischer Abstammung, die die Aboriginal-Ureinwohner vor mehr als 200 Jahren von ihrem Land vertrieben hatten.

    Trotz Jahrzehnten der Multikulturalität dominieren sie noch immer das Land: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur. Dass Tausende Vertreter dieser in vielfacher Hinsicht privilegierten Schicht jetzt aufbegehren, Nazi-Parolen gegen vermeintliche „Eindringlinge“ skandieren und betrunken muslimische Frauen blutig schlagen, mag erstaunen.

    Premier Howards Warnungen vor dem "Anderen"

    Doch haben Ignoranz, Abneigung und purer Rassismus in weiten Teilen des weißen Australien Tradition – seit dem ersten Kontakt mit den Ureinwohnern. Seit zwei Jahrhunderten brodelt unter der Oberfläche eine Abneigung gegen alles, was „anders“ ist. Das Feindbild und die Schimpfnamen ändern sich mit jeder Einwanderungswelle. Italiener waren „Wogs“, Vietnamesen „Chinks“, Libanesen „Lebos“.

    Seit den sechziger Jahren wurde offiziell Multikulturalismus zelebriert. Nicht nur den Labor-, sondern auch konservativen Regierungen schien er die einzig mögliche Überlebensstrategie auf einem kaum besiedelten Kontinent zu sein. Dann kam John Howard. Seit zehn Jahren nutzt der erzkonservative australische Premierminister geschickt die verborgenen Gefühle vieler Australier, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Nie direkt, immer versteckt, warnt er vor vermeintlichen Gefahren durch das „Andere“.

    Muslimische Asylsuchende rückt er in die Nähe von Terroristen und sperrt sie jahrelang in Internierungslager. Islamische Führer beklagen seit Jahren die zunehmende Ausgrenzung ihrer Gemeinden in einem Klima staatlich geschürter Terrorhysterie. Derweil pflegt das offizielle Australien einen selbstgefälligen Hurrapatriotismus – zum Nutzen Howards.

    Während weiße „Aussies“ sich gestärkt fühlen in ihrem Glauben, die wahren Träger der Fahne mit dem „Kreuz des Südens“ zu sein, wird seine Regierung immer wieder gewählt. Fremdenfeindliche Sprüche sind längst nicht mehr nur am Stammtisch zu hören. Rassismus ist gesellschaftsfähig geworden. Mit blutigen Konsequenzen.

    (SZ vom 15.12.2005)

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