Soll man ernsthaft China die Olympischen Spiele verderben? Viele tun derzeit so, als könnten wir daran ein Interesse haben. Doch China öffentlich anzuprangern, würde Pekings Haltung nur verhärten.
Konrad Seitz war von 1995 bis 1999 deutscher Botschafter in Peking Foto: dpa
Die Tibetkrise trägt in sich das Potential, zu einer Krise zwischen China und dem Westen und zu einer Weltkrise zu eskalieren. Was geschieht, wenn sich die Lage nicht "beruhigt", sondern junge Tibeter zu Anschlägen übergehen und die chinesische Regierung auf Mönche schießen lässt?
Machen wir uns bewusst, wie auf beiden Seiten die Tibetkrise gesehen wird: zunächst die Sicht der Chinesen. Seit Jahren fiebern sie ihren Olympischen Spielen entgegen. Sie haben Peking zu einer glanzvollen Metropole herausgeputzt, haben modernste Sportstätten errichtet, haben Terminal 3 des Flughafens gebaut, von dem der Architekt Norman Foster sagt, er sei das größte Bauwerk der Welt. Staunend sollten die Besucher aus aller Welt das neue China erleben.
Schon seit dem ersten Schuljahr ist im Gedächtnis jedes Chinesen die Erinnerung an die "Hundert Jahre der Demütigung" eingebrannt: 1840 hatten die Engländer im Namen des "Freihandels" Kanton zusammengeschossen, als der chinesische Kaiser es wagte, die Opium-Importe zu stoppen, die sein Volk verseuchten. Es folgten 100 Jahre der Halbkolonisierung und Ausbeutung durch Europäer, Amerikaner und Japaner, bis Mao 1949 die Unabhängigkeit und Würde Chinas wieder errang. Deng Xiaoping führte China dann seit 1978 aus der Armut heraus. Heute ist China die zweite Weltmacht und dabei, Amerika als dominierende Wirtschaftsmacht abzulösen. Diesen Wiederaufstieg wollte China mit Olympia feiern und sich zugleich als friedliches, harmonisches Land vorstellen.
Und nun das: Ein "tibetischer Mob" schlägt in Lhasa auf Chinesen ein (nur das zeigte das Fernsehen) - und wie reagiert der Westen? Er prangert China als eine die Menschenrechte verachtende Nation an, die das kleine tibetische Volk unterdrückt. In Paris und London verwandeln gewalttätige Demonstranten den olympischen Fackellauf zu einem Spießrutenlauf, in San Francisco erzwingen Demonstranten ein schmähliches Versteckspiel mit der Fackel. Die "Reise der Harmonie" wird zur Reise der Demütigung, die Spiele selbst werden mit den Spielen Hitlers verglichen.
Die Chinesen reagieren auf diesen jähen Umschlag ihrer Hoffnungen mit einem Nationalismus, der sich im Internet in hasserfüllten Kommentaren gegen den Westen Luft macht, der China den Aufstieg nicht gönne. Die sonst so kühl kalkulierende Führung zeigt Anflüge von Paranoia. Sie beschuldigt den Dalai Lama, die Unruhen angestiftet zu haben. Der Parteisekretär Tibets nennt ihn einen "bösen Geist mit dem Antlitz eines Menschen und dem Herz einer Bestie".
Im Westen schlägt unterdessen die gerechte Empörung hohe Wellen. Die Tibetkrise kommt zu anderen Entwicklungen hinzu, die den Keim einer Krise in sich tragen. Galt China noch vor kurzem als der große Markt, so sehen heute viele Menschen in Europa wie in den USA China als Bedrohung ihrer Arbeitsplätze. Dazu kommt der Kampf um den Zugang zu den Ressourcen Afrikas, in dem die westliche werte-orientierte Politik immer öfter den Kürzeren gegenüber Chinas Politik der Nichteinmischung zieht.
Was schließlich die Menschenrechte angeht, so haben die deutschen Medien seit Jahrzehnten über jede Einkerkerung eines Dissidenten ausführlich berichtet. Aber von den großen positiven Entwicklungen in China hören wir nur selten. Dass seit den Reformen Dengs Hunderte Millionen Chinesen aus absoluter Armut befreit wurden und es heute nur noch zehn Prozent absolut Arme gibt (in Indien sind es 30 Prozent); dass die Menschen, wenn sie sich nicht in die Politik einmischen, so frei leben wie nie in der chinesischen Geschichte; dass man gegen den Staat klagen kann, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, und dass 2007 von 100.000 Klagen 40 Prozent zugunsten der Kläger ausgingen; dass Staats- und Parteichef Hu Jintao auf umweltfreundliches Wachstum und den Aufbau eines sozialen Wohlfahrtsstaates umschwenkte und in zähem Ringen gegen die Konservativen diese Politik vorantreibt - wie viele Deutsche wissen von diesen Fortschritten, und wie viele wollen davon wissen?
Die Tibetkrise sollte für beide Seiten Anlass sein, zu einem besonnenen Dialog zurückzukehren. Wir haben alles Interesse daran, dass die Spiele in Peking nicht "Spiele der Schande" werden. Nur ein erfolgreiches China, das sich vom Westen anerkannt fühlt, wird ein Partner für die globale Kooperation sein, von der eine gute Zukunft der Welt abhängt.
Es geht um nichts weniger als um die Integration einer neuen Weltmacht in das politische, wirtschaftliche und kulturelle Weltsystem. Sollte der Westen China dies verweigern, sollte er den Chinesen durch Handelsbeschränkungen und ständige moralische Kritik die Überzeugung geben, dass er nicht bereit ist, sie als gleichberechtigte Partner zu respektieren, so könnte die Welt einem neuen Ost-West-Konflikt entgegengehen. Nur, dass diesmal der Großteil der Dritten Welt auf Seiten der Chinesen stünde.
Nun noch einige Worte zur westlichen Tibetpolitik. Was können und sollen wir tun? Als ich 1995 nach Peking kam, machte ich meinem US-Kollegen einen Antrittsbesuch. Wir sprachen über die Besuche des Dalai Lama im Westen. Mein Kollege hielt die Strategie des Dalai Lama, öffentliche Unterstützung des Westens zu mobilisieren, für einen schweren Fehler. Die westlichen Regierungen könnten allenfalls durch einen stillen Dialog für Tibet etwas erreichen; China öffentlich anzuprangern, würde dagegen Pekings Haltung nur verhärten. Und der Dalai Lama gefährde durch sein Auftreten seine Akzeptanz als Verhandlungspartner. Die Regierung werde ihn als einen Feind ansehen, der den Westen aufhetze.
Nun, so ist es leider gekommen. Aber die Lage lässt sich immer noch reparieren. Ministerpräsident Wen Jiabao hat Gespräche mit dem Dalai Lama nicht ausgeschlossen, wenn dieser bestimmte Bedingungen akzeptiere. Vielleicht ist es möglich, zu Verhandlungen zurückzukehren, wie es sie unter Deng in den späten Achtzigern gab und die damals wohl daran scheiterten, dass die Tibeter zu viel forderten.
Vielleicht kommen die Chinesen zur Einsicht, dass ihr Reich mehr glänzen würde, wenn sie das Kleinod Tibet nicht in ein sinisiertes Museum verwandelten, sondern als lebendige religiöse Kultur bestehen ließen. Vielleicht könnte dann der Dalai Lama in den Potala-Palast zurückkehren - und zwar nicht die innenpolitische Herrschaft über Tibet ausüben, aber doch Religion und Kultur bestimmen.
Konrad Seitz, Jahrgang 1934, war von 1995 bis 1999 deutscher Botschafter in Peking. Er schrieb das Buch "China. Eine Weltmacht kehrt zurück", das als Standardwerk gilt.
(SZ vom 16.04.2008/bosw)





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