Die Rückkehr des Krieges

    Deutsche Welle-Mitarbeiter erschossen

    08.10.2006, 16:54

    Von Peter Münch

    Der erste Journalistenmord seit fünf Jahren zeigt, wie explosiv die Lage in Afghanistan heute ist. Die jüngste Phase der Eskalation ist geprägt von neuer Unübersichtlichkeit und bislang nicht gekannter Grausamkeit.

    Miliz

    Auch fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban kommt Afghanistan nicht zur Ruhe (Foto: AP)

    Sie mögen sich sicher gefühlt haben. Die Journalistin Karen Fischer und der Techniker Christian Struwe, zwei Mitarbeiter der Deutschen Welle (DW), kannten Afghanistan von vorherigen Reisen, hatten berichtet über die Wirren am Hindukusch, hatten im Auftrag des deutschen Auslandssenders beim Neuaufbau des staatlichen Radio Television Afghanistan (RTA) geholfen, und hatten wohl wie viele andere eine Faszination entwickelt für dieses schrecklich schöne Land.

    Vom Norden her waren sie auf dem Weg in die Provinz Bamian, den Berichten zufolge nicht im Auftrag der Deutschen Welle, aber mit dem Ziel, an einer Dokumentation zu arbeiten. Die Reise endete tödlich in der Nacht zum Samstag, 120 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kabul in der Provinz Baghlan.

    Nichts deutete auf Raubüberfall hin

    Der Norden des Landes, das Einsatzgebiet des knapp 3000 Mann starken Bundeswehr-Kontingents der internationalen Friedenstruppe Isaf, gilt noch als verhältnismäßig sicher. Auch hier gibt es Anschläge, Überfälle, Entführungen, zudem wächst überall im Land die Kriminalität. Doch anders als im Süden, in den in diesem Jahr der Krieg zurückgekehrt ist, können sich auch westliche Ausländer noch relativ frei bewegen.

    In der Regel halten sie sich dabei an die üblichen Sicherheitvorkehrungen: keine Überlandfahrten bei Dunkelheit, Begleitung durch Ortskundige, rechtzeitige Suche nach einem geschützten Nachtlager. Die 30-jährige Karen Fischer und der 38-jährige Christian Struwe hatten ihr Zelt neben der Straße aufgeschlagen, und in diesem Zelt wurden sie in der Nacht zum Samstag erschossen aufgefunden.

    Nichts deutete bis Sonntagabend auf einen Raubüberfall hin; ihr Geländewagen, die Kamera und sonstige persönliche Utensilien waren unberührt. Der Gouverneur der Provinz Baghlan will "fünf bis sechs Personen" als Verantwortliche für den Doppelmord identifiziert haben, der exakt auf den fünften Jahrestag des Kriegsbeginns am Hindukusch fiel.

    Bislang nicht gekannte Grausamkeit

    Doch die Taliban, die sich in der Regel umgehend zu den von ihnen verübten Anschlägen bekennen, distanzierten sich von der Tat. "Wir töten nicht alle Ausländer", sagte ein Sprecher. Tatsächlich sind in den vergangenen fünf Jahren zumindest keine Journalisten in Afghanistan umgekommen. Während des Kriegs Ende 2001 allerdings waren acht Medienvertreter, darunter der Stern-Reporter Volker Handloik, getötet worden.

    Die jüngste Phase der Eskalation in Afghanistan ist jedoch geprägt von neuer Unübersichtlichkeit und bislang nicht gekannter Grausamkeit. Alle Aufständischen den Taliban zuzuordnen, wäre dabei zu einfach. In den verschiedenen Teilen des Landes agieren unterschiedliche Gruppen mit lockeren und wechselnden Allianzen, und auch die Taliban selbst gelten nicht mehr als ganz homogene Truppe.

     
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    Die Rede ist von Neo-Taliban, die sich über frühere Regeln des Kampfes hinwegsetzen und ihre rücksichtslose Taktik aus dem Irak entlehnt haben. Am deutlichsten abzulesen ist das an der Vielzahl der Selbstmordattentate, die längst nicht mehr nur auf ausländische Soldaten oder afghanische Sicherheitskräfte zielen, sondern in der Mehrzahl Zivilisten das Leben kosten. Damit verlässt der Krieg seine Fronten und wird in alle Teile des Landes getragen. In den nächsten Monaten, wenn der Winter die offenen Kampfhandlungen behindert, wird noch mit einer Zunahme solcher Anschläge vor allem in Kabul gerechnet.

    Wachsende Zweifel am Afghanistan-Einsatz

    Dies wird auch in den westlichen Ländern die Diskussionen über Erfolgsaussichten und Sinn der Afghanistan-Mission befeuern. Bislang sind fast 500 ausländische Soldaten zu Tode gekommen, allein 166 in diesem Jahr. Den höchsten Blutzoll zahlen Briten und Kanadier, die den Kämpfen im Süden standhalten müssen. Doch auch die Bundeswehr hat schon den Tod von 18 Soldaten zu beklagen. Die meisten davon starben bei Unfällen, fünf jedoch auch bei Anschlägen, die in zunehmender Zahl auch im deutschen Verantwortungsbereich im Norden verübt werden.

    Die Diskussionen vor der jüngsten Mandatsverlängerung für die Bundeswehr zeigen, dass in der Öffentlichkeit die Zweifel am Afghanistan-Einsatz wachsen. Die Ende September im Bundestag erzielte Mehrheit für eine Verlängerung um ein Jahr wurde nicht zuletzt durch die eingeforderte Fraktionsdisziplin erreicht. Der Mord an den beiden Journalisten könnte den Rückzugstrend bestärken. Die Politik kann da nur noch fast paradox argumentieren. So sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier: "Der grausame und sinnlose Tod unserer Landsleute bestärkt uns in unserer Verpflichtung, die afghanische Regierung in ihrem Einsatz für Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen."

    (SZ vom 9. Oktober 2006)

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