Von Andreas Zielcke

Benedikt XVI. lässt in seiner Regensburger Vorlesung das Gespür für sein Amt vermissen. Auch wenn er mit ihr theologische Kompetenz bewies - als Papst handelte er unkorrekt und politisch töricht.

Wütende Muslime, dpa

Wütende Muslime in Srinagar, Indien: Als Philosoph durfte der Papst so reden - doch als Kirchenmann hätte er besser geschwiegen. Foto: dpa

Vor zweieinhalb Jahren führte Joseph Ratzinger, damals noch Kardinal, sein berühmtes Gespräch mit Jürgen Habermas über Vernunft und Religion.

Dass der Kardinal ausgerechnet mit dem kirchenfernen Theoretiker der kritischen Vernunft den Austausch der Argumente suchte, war nicht nur ein Beispiel dafür, wie offen und unpolemisch sich das säkulare und das religiöse Lager begegnen können. Es war vor allem ein Zeichen dafür, dass sich unter dem Galero, dem Kardinalshut, ein akademischer Kopf behauptet.

Kaum einem Kirchenmann ist das geisteswissenschaftliche Denken so nahe wie Ratzinger.

Was aber bei einem Kardinal im Zweifel als Bereicherung seines Amtes gelten kann, geht bei dem Oberhaupt der katholischen Kirche nicht mehr ohne Weiteres unter einen Hut. In seiner Regensburger Vorlesung hat Joseph Ratzinger seinem theologischen und kirchengeschichtlichen Denken auf frappierende Weise den Vorrang vor den Anforderungen seines singulären Amtes eingeräumt. Der gescheite Denker hat sich als naiver, um nicht zu sagen: gedankenloser Amtsinhaber verhalten.

Wie er den christlichen Glaubensbegriff mit dem hellenistischen Erbe der Vernunftphilosophie verknüpft und durch die Kirchengeschichte hindurch entfaltet, beweist - so bestreitbar dies für die säkulare Geisteswissenschaft ist - eine hohe theologische Kompetenz.

Der Theologe ist ein miserabler Berater des Papstes

Doch den Dialog zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. und dessen persischem Gesprächspartner, bei dem die Worte über das "inhumane" Gebot Mohammeds fallen, dass der Glaube mit dem Schwert zu verbreiten sei, mag er als Theologe korrekt zitiert haben - als Papst handelte er unkorrekt und politisch töricht.

Dessen Auditorium ist nicht die Universität, noch nicht einmal nur die katholische Welt, es ist die Welt aller, die sich auf denselben Gott berufen. Vor dieser Welt redet Joseph Ratzinger als oberster Kirchenmann des Vatikans, nicht als Dozent. Will er als Papst tatsächlich auf eine Doktrin von der notwendigen Inhumanität des Islam hinaus? Derselbe, der gerade noch den Dialog mit dem Islam forcierte? Derselbe, dessen nächste Reise in die Türkei führt?

Der Theologe ist ein miserabler Berater des Papstes. So wie er in Auschwitz bei der entscheidenden Äußerung über den Holocaust und die Deutschen jegliche Sensibilität vermissen ließ, als habe er nur mangelhaften Kontakt zur zeitgeschichtlichen Moralität, so verdeckte hier der Theologe dem Papst den Blick auf die religionspolitische Realität.

Natürlich hat der Papst das Recht, den christlichen Glauben vom Islam abzugrenzen, auch das Recht, die islamistische Gewaltbereitschaft zu kritisieren. Doch gerade ihm muss dies auf eine Weise gelingen, die ihn nicht über die Religion der anderen erhebt. Si tacuisses, philosophus mansisses ... hier gilt umgekehrt: Als Philosoph durfte er in Regensburg so reden, doch als Kirchenmann hätte er besser geschwiegen.

(SZ vom 16.09.2006)