Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Johannes Paul II. setzte in Israel Maßstäbe für den Dialog. Das ist eine Bürde für seinen Nachfolger. Die Schwierigkeit des Dialogs zeigen ein ängstlicher Papst und enttäuschte Juden.

Die Botschaft der Vorsicht; dpaGrossbild

(Foto: dpa)

Es gab einen Papst, der in Israel die richtigen Worte fand. An der Klagemauer zum Beispiel, wo er jenen Zettel in eine Ritze steckte, auf dem er von der Verantwortung seiner Kirche für die Gewalt sprach, die Juden im Namen des Christentums erleiden mussten. 20 Jahre lang hatte er auf seine Pilgerreise gewartet, und als es im Jahr 2000 so weit war, war dies für den kranken Pontifex einer der berührendsten Momente seines Lebens.

Karol Wojtylas Jugendfreundin war Jüdin, er spielte mal in einer jüdischen Fußballmannschaft im Tor, als Pole war auch er Überlebender des nationalsozialistischen Krieges. Wie kein Papst vor ihm hat Johannes Paul II. die Aussöhnung der katholischen Kirche mit den Juden vorangetrieben, auch dann, wenn es theologisch und politisch riskant wurde. Er hat die Maßstäbe für den Dialog gesetzt.

Das ist eine Bürde für seinen Nachfolger, Papst Benedikt XVI. - für Joseph Ratzinger, den Deutschen, den die Hitlerjugend zwangsrekrutierte, dem das Judentum im Studium begegnete (und das ihn faszinierte). Er hat auf seiner Pilgerreise mit den richtigen Worten der Opfer der Schoah gedacht und den Judenhass verurteilt. Und hat doch nicht die richtigen Worte gefunden; abgewogen formuliert kamen sie, aber bemüht, emotionsarm, ohne Risiko.

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Der Papst hätte über seine deutsche Herkunft reden können, über zwei eng verbundene Religionen mit furchtbarer gemeinsamer Geschichte, über die Verantwortung der katholischen Kirche dafür, dass diese Geschichte nicht vergessen wird. Er hat aber geredet, als wirkte noch das Trauma der Affäre um den Traditionalisten-Bischof und Holocaust-Leugner Williamson: bloß keinen Fehler machen. Den hat er nicht gemacht. Aber er hat auch die Chance verpasst, Außergewöhnliches zu sagen.

Andererseits ist die Kritik, die Papst Benedikt XVI. nun von jüdischen Vertretern in Israel und Deutschland entgegenschlägt, nicht gerecht. Sollte Joseph Ratzinger tatsächlich erklären, unter welchen Umständen er zum Hitlerjungen gemacht wurde? Das wäre eher als Verharmlosung aufgefasst worden. Oder hätte der Papst noch einmal seinen Entschuldigungs-Brief zur den Pannen rund um die Aufwertung der Piusbrüder vortragen sollen - in Jad Vaschem der Gedenkstätte für sechs Millionen ermordete Menschen? Das verbietet sich von selber.

Ein Papst, dem der letzte Mut fehlt, eine jüdische Gemeinschaft, die enttäuscht ist, das beschreibt recht realistisch den gegenwärtigen Zustand des schwierigen jüdisch-christlichen Miteinanders und Nebeneinanders. Alles schwingt mit, wenn ein Papst nach Israel fährt: die Leidensgeschichte der Juden, die Gründung des Staates Israel, den der Vatikan so lange nicht anerkannte, die Geschichte der christlichen Palästinenser, all die historischen Verletzungen, die jederzeit aufbrechen können. Ein Staatsoberhaupt könnte in Israel reden, wie Papst Benedikt geredet hat - er träfe auf Wohlwollen. Von einem Papst erwartet man mehr, vielleicht zu viel, wenn dieser Papst nicht gerade Johannes Paul II. heißt und ein Visionär des interreligiösen Gesprächs ist.

Das aber ist Papst Benedikt nicht. Im Gegenteil setzt er, setzt der Vatikan, auf die stärkere Abgrenzung seiner Kirche gegenüber den anderen Religionen. Ein Beispiel ist die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, die einen Abschied von der Judenmission fordert, aus historischen Gründen. Diese Erklärung trifft bei den deutschen Bischöfen, mehr aber noch im Vatikan, auf heftige Kritik. Sie ist verbesserungsbedürftig, aber was wäre das für ein Zeichen, wenn ein Papst sagte:

Die katholische Kirche hofft darauf, dass am Ende der Zeiten alle Menschen Christus als Erlöser erkennen - aber sie missioniert nicht mehr Juden, weil eine gewalttätige Judenmission hunderttausendfach den Erlöser verraten hat? Das wäre eine Botschaft aus Jad Vaschem. Doch Benedikts Botschaft ist das nicht; seine ist die des sicheren Weges. Nicht weniger, nicht mehr.

(SZ vom 13.5.2009/vw)

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Leserkommentare (18)



14.05.2009 08:29:32

BennoR: zu Svensk

Ganz so einfach mit Israel ist es im nahen Osten nicht. Der Staat Israel wurde nach dem II. Weltkrieg gegründet, um den Juden aller Welt Heimat zu bieten. Völlig aussen vor gelassen wurde dabei, daß das Staatsgebiet, daß der neugegründete Staat Israel plötzlich beanspruchte, nicht menschenleer und verlassen sondern besiedelt war.

Die Begründung der Juden ihren Staat just auf diesem Gebiet zu errichten ist etwas kurios und könnte mit Hardcore-Religions-Fundamentalismus beschrieben werden. Der Anspruch "Wir sind Gottes auserwähltes Volk, Gott hat uns dieses Land gegeben, deswegen sind wir wieder hier und beanspruchen das von Gott gegebene Recht" läßt selbst islamische Fundamentalisten plötzlich tolerant erscheinen.


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