Wulff kontert Jüttner aus

    Wahlkampf in Niedersachsen

    24.01.2008, 06:14

    Von Bernd Oswald

    Beim TV-Duell dringt SPD-Herausforderer Jüttner nicht durch die gut gestaffelte Verteidigung des eloquenten Ministerpräsidenten Wulff. Der lässt alle Angriffe abperlen und kontert treffsicher.

    Wahlkampf in Niedersachsen, TV-Duell, Wolfgang Jüttner, Christian Wulff, dpaGrossbild

    Vertraut-gemütlich: SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner, Moderator Andreas Cichowicz und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff im Fernsehstudio (v.l.n.r.). (Foto: dpa)

    Es soll ja noch immer Menschen in Deutschland geben, die nicht wissen, dass am Sonntag nicht nur in Hessen, sondern auch in Niedersachsen gewählt wird. Wohl noch nie zuvor in der deutschen Landtagswahlgeschichte ist die Diskrepanz in der öffentlichen Wahrnehmung so groß gewesen wie zwischen diesen beiden Wahlen.

    Während Roland Koch in Hessen einen Krawall-Wahlkampf fuhr, der wochenlang die innenpolitischen Schlagzeilen bestimmte, gab es im größeren Niedersachsen so viel Aufregung um die Wahl wie ein Beamter beim Abheften von Akten empfindet. Ein Wahlkampf mit streitenden Protagonisten war beim besten Willen nicht auszumachen.

    Harmlose Wassertropfen


    Die letzte Chance auf Wahlkampf bestand im niedersächsischen TV-Duell zwischen SPD-Herausforderer Wolfgang Jüttner und Ministerpräsident Christian Wulff von der CDU. Jüttner mühte sich nach Kräften, Wulff aus der Reserve zu locken und Kontroversen zu entfachen, doch dem Ministerpräsidenten, dessen zweiter Vorname Gelassenheit zu sein scheint, gelang es, Jüttners Angriffe wie harmlose Wassertropfen an sich abperlen zu lassen.

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    Dabei war Jüttner gar nicht schlecht aufgelegt, setzte gekonnt auf das Thema, in dem der SPD auch in Niedersachsen höhere Kompetenz als der CDU attestiert wird: die soziale Gerechtigkeit. Beim Mindestlohn deklariert er die Sozialdemokraten als "knallharte Alternative" zur CDU, spricht davon, dass sich "Leistung lohnen müsse" und dass man von 1,50 Euro Stundenlohn nicht leben könne.

    Wulff hielt sich gar nicht lange bei der Differenzierung zwischen gesetzlichen und tariflichen Mindestlöhnen auf, sondern setzte bald zum Wirkungstreffer an: "Regieren und Opposition gleichzeitig geht nicht. Sie laufen beim Mindestlohn der Linkspartei hinterher und wer anderen nachläuft, kann immer nur Zweiter sein." Das saß, da hatte Jüttner keinen Konter mehr parat.

    Später unternahm der SPD-Mann einen zweiten Anlauf: Mit Blick auf Einsparungen im Sozialbereich warf er Wulff "soziale Eiseskälte" vor. Doch wieder schlug Wulff seinem Kontrapart die Waffe aus der Hand:

    Zahlen, Zahlen, Zahlen


    "Ich habe fünf Jahre lang jeden Tag sieben Millionen Euro Zinsen gezahlt für Schulden aus SPD-Zeiten. Ich möchte der SPD den Haushalt nicht mehr anvertrauen und Ihnen schon gar nicht." Und schon war das sozialdemokratische Stigma, nicht mit Geld umgehen zu können, wieder präsent.

    Bei der Bildung erhob Jüttner auch eine Reihe von Vorwürfen, wetterte gegen das dreigliedrige Schulsystem und die Studiengebühren. Doch Wulff umschiffte die Klippe, die eine Unzufriedenheitsrate von 66 Prozent in der Bildung darstellt, indem er Jüttner geschickt in einen Zahlen-Schlagabtausch verwickelte, bei dem es keinen Punktsieger gab.

    Eine große Chance verspielte Jüttner, als er seinen Kontrahenten mit dem vom Stellenabbau betroffenen Cabrio-Spezialisten Karmann konfrontierte, der seinen Stammsitz im Osnabrücker Wahlkreis von Christian Wulff hat. Der Ministerpräsident spiele mit den Hoffnungen und Ängsten der Beschäftigten, wenn er davon spreche, dass Karmann bald Aufträge an der Angel habe.



    Gemütliche Atmosphäre


    Doch Jüttner entwertete den Angriff, indem er als Beleg einen Artikel aus der Neuen Osnabrücker Zeitung anführte. Das ist dann doch ein bisschen wenig.

    Das gilt auch für die Leistung von Moderator Andreas Cichowicz, seines Zeichens NDR-Chefredakteur. Er verpasste Gelegenheit um Gelegenheit, die beiden Kandidaten aus der Reserve zu locken, da er hauptsächlich Fragen wie "Sehen Sie das auch so, Herr …" stellte. Ins Bild passte es da, dass die Stehpulte der Kandidaten und des Moderators ganz nah beieinander angeordnet waren, was eher vertraut-gemütlich denn konfrontativ rüberkam.

    Auch am Schluss hat der Amtsinhaber das bessere Ende für sich: Während Jüttner unpersönlich mit "Meine Damen und Herren beginnt" und sich in der langen Aufzählung, was er alles anders machen will, verhaspelt, beginnt Wulff mit einem vertrauten "Liebe Niedersachsen" und fasst übersichtlicher zusammen, was er sich zugutehält.

    Seine größte Sorge: Dass zu viele Niedersachsen die Wahl als schon gelaufen ansehen und gar nicht mehr wählen gehen. Für seinen Herausforderer ist das ein noch größeres Problem.

    (sueddeutsche.de/bavo)

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    Leserkommentare (11)



    25.01.2008 18:05:12

    szenso: Komisch

    Ich dachte immer, für die öffentliche Wahrnehmung sind die Medien zuständig. Ist das nun eine Selbstkritik an der Berichterstattung über die Landtagswahl in Niedersachsen?


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