Ein Kommentar von Thomas Hahn

Die Kraft des Sports kann viel Gutes bewirken, aber unter falscher Regie erwächst aus ihr auch eine Gefahr. Der Streit um die Olympia-Hoheit zwischen Markt und Moral vor tibetischer Kulisse zeugt von diesem Risiko und weist über Pekings Spiele hinaus.

China; Olympische Spiele; APBild vergrößern

Auch vor der chinesischen Botschaft in Berlin protestieren Demonstranten gegen die harsche Reaktion Chinas auf die Unruhen in Tibet. Foto: AP

Die Boykott-Diskussion dieser Tage wird am Ende das Wertvollste sein, was vom großen Sporttheater Olympia übrigbleibt. Erstens rückt nun die repressive Politik des Gastgebers China in den geschärften Blick der Weltöffentlichkeit.

Und zweitens wirft die Debatte um Boykott oder nicht Boykott nach dem brutalen Vorgehen des chinesischen Militärs in Tibet ein Licht darauf, wie der Sport sich selbst sieht in den Konflikten der Gegenwart: als eigene Welt nämlich, die unberührt bleiben will von den Einflüssen da draußen, sofern sie kein Geld bringen.

Eine Institution wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) sieht sich als Veranstalter einer globalen Party, die im Zeichen hoher Moral gefeiert wird, letztlich aber vor allem Interessen von Sponsoren und Sportindustrie bedient. Es geht dabei weniger um Botschaften als vielmehr um Märkte und um das sogenannte Produkt Sport, das gerade dadurch attraktiv wird, dass es harmonisch daherkommt - eine ideale Mischung aus Werten und Massenunterhaltung.

Die Freiheit, dieses Produkt gewinnbringend zu entwickeln, ist dabei ein gewünschtes Gut. Politische Freiheit stört dagegen im Zweifel. In ihrem Zweckdenken sind sich der Sport und China ziemlich ähnlich.

Ist ein Boykott der Show sinnvoll?

So erklärt es sich auch, dass das IOC die Spiele vor sieben Jahren an eine Nation vergab, die zwar für einen enormen, explosiv wachsenden Markt stand, aber nicht für Menschenrechte und saubere Umwelt. An dieser Entscheidung ist jetzt nichts mehr zu ändern. Die Sportlobby hat Medienwelt und Athleten in die Situation gebracht, Teil einer chinesischen Inszenierung zu sein, die alle Abgründe der Parteidiktatur mit herrlichen Bildern und Bauten überblendet.

Ein Boykott der Show? Diese Alternative gibt es im Grunde gar nicht. Ein Boykott würde die Fronten zwischen China und der demokratischen Welt nur verhärten und Symptome eines neuen Kalten Krieges befördern. Die Boykotte der Spiele 1980 in Moskau durch Teile des Westens und der Spiele 1984 von Los Angeles durch Teile des Ostens haben nicht mehr gebracht als einen Eintrag in der Chronik des Ost-West-Konflikts und Sportlerfrust; abgesehen davon, dass schon damals keine einheitliche Boykottlinie herzustellen war.

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