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Von Thomas Ruttig
Die Aufstandsbewegung in Afghanistan ist differenzierter, als sie im Westen oft wahrgenommen wird. Während die Taliban-Führung gesprächsunfähig ist, sollte mit pragmatischen Kommandeuren verhandelt werden.
Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Foto: oh
Die Entrüstung des afghanischen Außenministers Rangin Dadfar Spanta ist verständlich: Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hatte internationale Verhandlungen über Afghanistan gefordert, an denen moderate Taliban beteiligt werden sollten. Spanta, der mehr als 20 Jahre in Aachen lebte und dort bei den Grünen mitarbeitete, antwortete, Gespräche mit "moderaten Taliban" seien so abwegig wie eine SPD-Koalition mit einer ,"moderaten NPD" in Rheinland-Pfalz.
Doch von einer Koalition kann noch lange keine Rede sein, auch wenn viele Afghanen fürchten, genau dies könne am Ende herauskommen. Sie sehen ja bereits jetzt, wie die ähnlich radikal-islamistische Hezb-i-Islami, die Islamische Partei Afghanistans, im Umfeld Präsident Karsais an Einfluss gewinnt.
In Afghanistan greift eine Aufstandsbewegung um sich, die häufig mit den Taliban gleichgesetzt wird. Sie bedroht die Errungenschaften des in Bonn eingeleiteten Friedensprozesses für das Land am Hindukusch. Militärisch ist sie nicht zu schlagen.
Deshalb ist es verdienstvoll, wenn deutsche Politiker sich Gedanken machen, wie das bisher dominante Denkmuster einer vor allem militärischen Konfliktlösung durchbrochen werden kann. Dazu gehört zu klären, ob und wie die Taliban in eine politische Lösung einbezogen werden können, ob sie überhaupt gesprächsfähig sind. Und wen wir eigentlich meinen, wenn wir "Taliban" sagen.
Aus einer Analyse der Ursachen des Aufstands ergibt sich auch ein differenzierteres Bild von dessen Trägern. Die Hauptursache ist die bisherige Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft und der von ihr unterstützten Karsai-Regierung, mit all den Hilfsmilliarden das Leben relevanter Teile der afghanischen Bevölkerung signifikant zu verbessern und Korruption, Drogenwirtschaft und der Gewaltherrschaft der "Tufangsalaran" - "die mit der Waffe herrschen", ein treffenderer afghanischer Ausdruck als "Warlords" - Einhalt zu gebieten.
Diese Gemengelage nimmt immer mehr mafiöse Strukturen an und lässt das Vertrauen der Afghanen in ihren 2004 mehrheitlich gewählten Präsidenten und seine ausländischen Unterstützer rapide sinken. Aus diesen Unzufriedenen rekrutiert sich ein großer Teil der Aufständischen. Die zweite Ursache ist, dass sich ihr radikaler Kern - Taliban und Hezb-i-Islami - auf eine Infrastruktur im benachbarten Pakistan stützen können.
Taliban und Aufstandsbewegung sind also nicht identisch. Deshalb zäumt der Vorschlag, eine Friedenskonferenz einzuberufen, bei der auch Taliban-Chef Mullah Muhammad Omar mit am Tisch säße, das Pferd von hinten auf. Es kommt zunächst darauf an, lokale, nicht-ideologisierte Träger des Aufstands wieder in den politischen und Wiederaufbau-Prozess einzubeziehen.
Dazu gehören Stammesführer, die von örtlichen Machthabern den Taliban regelrecht in die Arme getrieben wurden, und auch jene Jugendlichen, die ohne Job und Perspektive in den Basaren Süd-Afghanistans herumhängen und für ein paar hundert Dollar den Selbstmordattentäter geben. "Global denken, lokal handeln" - dieses Leitmotiv der Umweltbewegung lässt sich auch auf Afghanistan und den Umgang mit den Taliban übertragen.
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