Deutschlands Vermögen in Italien in Gefahr

    Zwangsarbeit

    05.06.2008, 17:53

    Von Stefan Ulrich und Robert Probst

    Sollte Deutschland ausländische Nazi-Opfer nicht entschädigen, droht den deutschen Kulturinstituten in Italien die Pfändung, entschied ein Gericht in Rom. Das deutsch-italienische Verhältnis ist schwer belastet.

    Grossbild

    Die Villa Vigoni, in Loveno di Menaggio nahe des Comer Sees, ist Sitz eines deutsch-italienischen Kulturinstituts. (Foto: AP)

    Eine Reihe von Urteilen des obersten Zivilgerichts in Rom belasten das deutsch-italienische Verhältnis schwer. Die Richter entschieden, griechische Nazi-Opfer dürften Vermögen der Bundesrepublik in Italien vollstrecken. Außerdem drohen der Bundesregierung nun Klagen von mehr als 100.000 ehemaligen italienischen Zwangsarbeitern.

    Die Überlebenden eines Massakers im griechischen Dorf Distomo, das die SS 1944 verübt hatte, forderten seit Jahren vergeblich Schadensersatz von der Bundesregierung.

    Der Hamburger Rechtsanwalt Martin Klingner, der die NS-Opfer vertritt, spricht von einer "epochalen Entscheidung" des Kassationsgerichtshofs. Seine Mandanten hätten auch in Griechenland versucht, Schadensersatz gegen Deutschland durchzusetzen und von dortigen Gerichten recht bekommen, sagte Klingner am Donnerstag der Süddeutschen Zeitung.

    Zunächst wird die "Villa Vigoni" versteigert

    Allerdings habe die griechische Regierung die Vollstreckung verhindert. Daraufhin habe man versucht, das Urteil in Italien zu vollstrecken, was nach europäischen Rechtsgrundsätzen innerhalb der EU möglich ist. Das Urteil in Rom bringe jetzt den "juristischen Durchbruch".

    Falls Deutschland nicht bezahle, könne zunächst das deutsche Kulturinstitut "Villa Vigoni" am Comer See versteigert werden, gegen die bereits eine Zwangshypothek eingetragen sei. Andere Opferanwälte hatten auch Goethe-Institute in Italien als mögliche Objekte genannt.

    In einer Reihe weiterer Urteile bestimmten die obersten italienischen Zivilrichter zudem, Italiener, die während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden waren, dürften die Bundesrepublik vor italienischen Gerichten auf Entschädigung verklagen. Der Kassationsgerichtshof wies dabei ausdrücklich den Einwand Deutschlands zurück, es genieße Staatenimmunität.

    Nach diesem völkerrechtlichen Grundsatz können Staaten, wenn sie hoheitlich handeln, nicht von Bürgern anderer Staaten belangt werden. Die Richter argumentieren nun, dies gelte nicht bei schweren Verletzungen des Völkerrechts wie Kriegsverbrechen. Zudem wendeten sie die Rechtsauffassung auch noch rückwirkend auf mehr als 60 Jahre alte Vorgänge an.

    Überraschte Bundesregierung

    Die Bundesregierung wurde offenbar von dem Muster-Urteil überrascht und wollte sich am Donnerstag noch nicht näher dazu äußern. Unter Völkerrechtlern, die der Regierung nahestehen, wird jedoch erwartet, dass Deutschland Italien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verklagen wird. Das sei die letzte Möglichkeit, da der Rechtsweg in Italien ausgeschöpft sei.

    vorheriges Bild vorheriges Bild Bild 1 von 12 nächstes Bild nächstes Bild


    Eine solche Klage wird jedoch als ungewöhnlich und sehr belastend für das bilaterale Verhältnis bewertet. "Das wirkt, als ob da der Zweite Weltkrieg ein Stück weit noch einmal ausgefochten wird", hieß es in deutschen Völkerrechtskreisen. Berlin rechnet sich aber gute Chancen aus, in Den Haag recht zu bekommen.

    Manfred Gentz, Mitglied des Kuratoriums der Zwangsarbeiterstiftung, sagte, die Entscheidung in Rom sei "nicht verbindlich". Die Stiftung könne auch nicht Ansprechpartner für Forderungen sein, doch hätten die Urteile auch eine "moralische Ebene." Die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, betonte, die Bundesregierung solle nun "umdenken" und "schnellstens Geld für die Entschädigung bereitstellen."

    (SZ vom 06.06.2008/jkr)

    ANZEIGE

    mehr ...


    Themen

    Weitere Artikel in Politik

    Leserkommentare (76)



    05.06.2008 18:38:53

    Deftig:

    Ich weiß, warum die die Villa Vigoni haben wollen, ich war schon mal dort drin - einen schöneren Park (mit Blick auf den Comer See) habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Das würd ich mir auch klauen.


    9 Besucher haben diesen Kommentar bewertet


    vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | ... | 13 | 14 | 15 | 16 ältere Kommentare nächste Kommentare

    Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


    "Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
    Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
    Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
    George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

    ANZEIGE

    Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
    Bilder aus der Politik
    Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
    Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
    Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
    Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
    Süddeutsche Zeitung Photo
    Armutsflüchtlinge aus Afrika
    Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
    Politik transparent gemacht
    Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

    Postleitzahl oder Schlagwort:

    Link auf abgeordnetenwatch.de