Schröder der alte Schlepper
Wortwörtlich - Koydls kleines Lexikon
12.01.2008, 11:53
Alt-Bundeskanzler Schröder mischt den Wahlkampf in Hamburg auf. (Foto: dpa)
Was haben der amerikanische Bundesstaat New Hampshire und die Freie und Hansestadt Hamburg gemein? Auf den ersten Blick nicht viel, einmal abgesehen davon, dass die Neuengland-Amerikaner soeben in einer Vorwahl ihre Kandidaten für den künftigen US-Präsidenten bestimmt haben und die Hanseaten demnächst eine neue Bürgerschaft wählen werden.
Doch die Gemeinsamkeit, die ich im Sinn habe, liegt in den drei Buchstaben ham in Hamburg und in Hampshire. Sie zeigen, dass der Name beider Orte auf das sächsische Wort hamm zurückgeht. Damit ist in diesem Fall freilich kein Leipziger Dialektausdruck gemeint, sondern ein Wort aus der Sprache des germanischen Stammes der Sachsen, die ursprünglich im heutigen Norddeutschland lebten.
Dort bauten sie Dörfer, und wenn eine solche Siedlung in einer Flussbeuge lag, dann nannten sie das hamm. Ein solches hamm - in der Gegend des heutigen Domplatzes - war auch die Keimzelle des heutigen Hamburgs.
Kaiser Karl der Große machte den Flecken zum Ausgangspunkt seiner Missionierungsfeldzüge gegen die heidnischen Sachsen und baute ihn zu einer Fluchtburg aus. Sie erhielt konsequenterweise den Namen Hammaburg.
Die Ur-Sachsen waren recht reiselustig - sonst wären sie auch nie nach Dresden gekommen. Andere zog es über die See nach England, wo sie gemeinsam mit den Angeln die keltische Urbevölkerung dezimierten und nach Wales und Schottland vertrieben.
Auch auf der Insel gründeten sie Siedlungen, und auch hier lagen sie oft in Flusskrümmungen geborgen. Eine entstand an der englischen Südküste, und weil der Ausgangspunkt dafür ein Bauernhof war, hängten sie ton an - das Wort für eine Farm: aus ham wurde hampton, und später entwickelte sich aus der kleinen Siedlung die große Hafenstadt Southampton.
Nach ihr wiederum wurde die sich im Norden anschließende Grafschaft benannt. Irgendwann erschien der Name Southamptonshire zu lange und umständlich und wurde zu Hampshire abgekürzt. Mit den ersten englischen Siedlern machte dieser Name dann den Sprung über den Atlantik und wurde im Bundesstaat New Hampshire verewigt.
Gewählt wird - dies nur der Vollständigkeit halber - auch in Hessen, und auch dieses Bundesland verdankt seinen Namen einem germanischen Stamm: den Chatten, die in den Tälern der Eder, Fulda und Lahn lebten. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnte sie lobend. Sie hätten "kernigere Körper, sehnigere Glieder und einen regsameren Geist" als andere Germanen.
Was ihr Organisationstalent anging, verglich er sie gar - höchstes Kompliment - mit den Römern. Dass aus Chatten Hessen wurden, verdanken sie der sogenannten Lautverschiebung, bei der sich in einigen germanischen Sprachen unter anderem t zu s wandelte.
In die Wahlkämpfe in Hessen und Hamburg hat sich nach langer Abstinenz Gerhard Schröder eingemischt. Dass er diese Last für seine Partei schleppt, ergibt auf alle Fälle etymologisch Sinn. Denn vom Namen her ist der Alt-Bundeskanzler geradezu zu harter Knochenarbeit prädestiniert.
Schröder ist einer jener Familiennamen, die - wie Bäcker, Schuster oder Maier - einen Berufsstand bezeichnen. Die Schröter waren hoch angesehen, denn ohne sie wäre das Leben recht durstig gewesen. Sie zogen mit schierer Muskelkraft riesige Wein- und Bierfässer aus den Kellern, wuchteten sie auf Karren oder Schiffe und begleiteten sie auf ihrem Weg in andere Städte. Für das Ziehen von Fässern gab es das ganz spezielle Verb schroten (Säcke wurden gezogen, Schiffe getreidelt) – von dem sich der Schröder ableitete.
Auf der nächsten Seite erfahren Sie Näheres zur sprachlichen Herkunft der Kaukasus-Republik Georgien, des US-Bundesstaates Georgia und der Apotheke.
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