Kampf der Modelle
USA und Europa
07.12.2005, 10:39
Der britische Geschichtswissenschaftler Tony Judt leitet das Remarque Institute for European Studies an der New York University, das er 1995 gegründet hat.
In den Vereinigten Staaten und England ist gerade sein umfassendes Werk Postwar - A History of Europe since 1945 erschienen. Judt gilt als einer der besten Kenner Europas unter den in Amerika lehrenden Zeithistorikern.
Aber so wie er darum die aktuellen Schwächen Europas besonders genau benennen kann, so weiß er aufgrund seiner vergleichenden Studien ebenso genau um die Kehrseiten des amerikanischen Erfolgsmodells.
SZ: Unter amerikanischen Linken verbreitet sich mehr und mehr die Ansicht, Europa könnte das beste Modell für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sein.
Tony Judt: Das ist richtig. Amerika und Europa sehen sich seit einiger Zeit verstärkt als konkurrierende Visionen, und immer mehr Amerikaner schauen bei ihrer kritischen Betrachtung Amerikas weniger in die Zukunft oder Vergangenheit der USA als vielmehr in die Gegenwart Europas.
Angela Merkel - noch als Oppositionsführerin - mit dem US-Präsidenten bei dessen Deutschlandbesuch im Februar 2005. (Foto: AP)
SZ: Seit wann driften die beiden Kontinente so spürbar auseinander?
Judt: Ich habe das Remarque-Institute schon 1995, also mitten in den Clinton-Jahren, genau deswegen gegründet, weil ich das Gefühl hatte, dass sich Amerika und Europa voneinander weg bewegen, und dass junge Amerikaner keine Ahnung von Europa hatten oder auch davon, dass wir gemeinsame Interessen haben sollten.
Abgesehen davon haben wir die Generation der amerikanischen Außenpolitiker verloren, deren Weltbild von der Ära zwischen den vierziger Jahren und 1989 geprägt wurde.
SZ: Dann war Bush nur ein Katalysator, der ältere transatlantische Spannungen zum Ausbruch brachte?
Judt: Bush hat das alles enorm beschleunigt, weil er den Glauben, dass Europa nichts verstanden hat, zu einer amerikanischen Tugend erklärte. Jetzt haben Amerika und Europa zwei grundverschiedene Identitäten. Das ist mir in den 20 Jahren, die ich nun schon hier in Amerika lebe, noch nie so klar geworden wie nach dem 11. September. Sogar in New York.
Ich würde inzwischen sogar so weit gehen zu behaupten, dass Europa und Amerika nur durch den Unfall des Zweiten Weltkrieges zu einer Einheit namens Westen wurden, die von Pearl Harbor bis zum Mauerfall gehalten hat.
SZ: Sollten die beiden Kontinente ihre unterschiedlichen Identitäten und Interessen nicht einfach akzeptieren?
Judt: Sollten sie, aber das ist schwer.
SZ: Angela Merkel hat sich schon vor ihrer Wahl um eine Wiederbelebung der deutsch-amerikanischen Freundschaft bemüht.
Judt: Ich glaube, Angela Merkel verzerrt das Bild, weil sie ein Ossi ist. Ganz egal, ob sie die Tochter eines ostdeutschen Pastors nehmen oder einen polnischen Intellektuellen wie Adam Michnik oder einen Sohn der tschechischen Bourgeoisie wie Vaclav Havel - sie alle verbindet ein Instinkt, der eine Art Umkehrung des alten kommunistischen Instinktes darstellt. Beim Irak-Krieg konnte man das deutlich beobachten.
» Im Osten gibt es diese instinktive Sehnsucht, an das Gute in Washington zu glauben « |
Im Osten gibt es diese instinktive Sehnsucht, an das Gute in Washington zu glauben und allen, die kritisch über Washington denken, unehrenhafte Motive zu unterstellen. Die Schlussfolgerung lautet stets, wenn man für Menschenrechte und Freiheit ist, muss man auch für die Invasion im Irak sein. Havel beharrte darauf, dass dies eine untrennbare Einheit sei, er müsse den Umsturz von Diktaturen grundsätzlich unterstützen, sonst verrate er die eigene Vergangenheit in Prag.
SZ: Das ist durchaus nachvollziehbar.
Judt: Im Falle von Merkel liegt dem allerdings ein politischer Stil zugrunde, der die Probleme durcheinander bringt. Wenn sie beispielsweise über die Türkei spricht, ist ihre Argumentation von einem eigenartigen Provinzialismus geprägt, der die größeren Zusammenhänge außer Acht lässt. Nicht nur in der Türkei sind die Leute fassungslos, dass jemand Kanzler werden kann, der die politischen Kosten der Nichtaufnahme der Türkei in die EU nicht begreift.
SZ: Was für Kosten wären das?
Judt: Das sind geopolitische Kosten, die damit beginnen, dass die Türkei dann eine Allianz mit Russland eingeht, bis hin zum Verlust des Einflusses im Nahen Osten. Dazu kommen die Kosten in der Türkei selbst, weil man das Land entweder zurück in die Arme der Militärs oder der religiösen Radikalen treibt. Das alles zu ignorieren, ist eine sehr kleindeutsche Art, über Politik nachzudenken.
|
ANZEIGE
Mr. Wong
Delicious
Digg
Yigg
Technorati
Google
MySpace
Facebook
Webnews




















