Von Hans Ulrich Kempski

Auszüge aus einer Reportage: Im Mai 1974 traf Hans Ulrich Kempski Willy Brandt - und beleuchtete die Gemütslage des nach der Guillaume-Affäre gerade erst zurückgetretenen Bundeskanzlers.

Willy Brandt, Hans Ulrich Kempski, Foto: Fritz Neuwirth/SZ Photo

Willy Brandt und Hans Ulrich Kempski im Jahr 1970 mit Willy Brandt. Foto: Fritz Neuwirth / SZ Photo

Bonn, 10. Mai 1974 - "Nein", sagt Willy Brandt, wobei allerdings ein Zögern in seiner Stimme vermuten lässt, er habe eine unschlüssige, nur halbherzige Antwort gegeben. Doch dieser Eindruck erscheint schnell als irreführend. Denn der langsamen, wie sinnierenden Antwort folgen nun Worte, die völlig frei von Zögern sind.

Sie lassen die Annahme zu, dass Brandt nur deshalb verunsichert gewirkt haben mag, weil er mit einer Frage konfrontiert worden ist, an die von ihm bisher noch kein Gedanke verschwendet wurde: "Bedauern Sie inzwischen, dass Sie das Amt des Bundeskanzlers abgegeben haben?"

Was Brandt nach kurzem Grübeln hierzu sagt, klingt glaubhaft. Er bringt es nämlich weder trotzig noch grollend noch wehleidig vor, eher erleichtert. Als sei das Thema längst für alle Zeiten abgetan, als empfinde er überdies sogar ein Gefühl des Befreitseins, lässt er den Berichterstatter spüren, wie abwegig er offenbar dessen Frage findet.

"Entschieden ist entschieden", meint der demissionierte Bundeskanzler, um dann seiner unversehrten Selbsteinschätzung Ausdruck zu geben: "Ich brauche, wenn ich politisch eine Rolle spielen will, kein Staatsamt."

Wer ihn in der Haltung eines Tiefverletzten anzutreffen gewähnt hat, wird überrascht sein müssen. Nicht reduziert von niederdrückenden Erfahrungen ist dieser Mann, sondern gehärtet. (. . .) Brandt wirkt so entspannt, so heiter gelöst, wie es bloß vorzutäuschen auch perfekter Verstellungskunst unmöglich wäre.

Ungebrochene Autorität

Das Bewusstsein, die ihm widerfahrenen Prüfungen stilvoll hinter sich gebracht zu haben, kann solchen Zustand allein kaum erklären. Bei Brandt kommt wohl hinzu, dass er im Grunde erleichtert ist, nicht mehr die Bürden der Würde tragen zu müssen. Der Mantel der Macht war ihm schwer geworden.

Bevor er dies zuzugeben bereit ist, lässt er im Gespräch verständlich werden, warum er frohen Mutes glaubt, auch nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler über ungebrochene Autorität zu verfügen. Weltweite Respektbekundungen geben ihm Anlass dazu, ebenso die Sympathiebeweise zahlloser Deutscher, auch die plötzliche Bereitschaft seiner Partei, sich ihm solidarisch unterzuordnen. (. . .)

Äußere Attribute der Macht, so meint er jedoch, haben ihren Reiz für ihn verloren. Er geht, während er sich hierüber ausspricht, auf dem abgetretenen grauen Teppich seines Dienstzimmers spazieren, das im Erdgeschoss eines unscheinbaren Bürohauses liegt, abseits vom Regierungsviertel, in der Nachbarschaft einer Druckerei, einer kleinen Kunststofffabrik und eines Lagers für Autoreifen.

Der ihm als Vorsitzendem der SPD zugewiesene Raum ist etwa 36 Quadratmeter groß, sparsam ausgestattet, mit Palisandermöbeln älterer Machart sowie mit Sesseln aus imitiertem Leder. (. . .)

An Rücktritt zu denken, ist er nach eigener Darstellung sofort geneigt gewesen, nachdem vor zwei Wochen der DDR-Agent Guillaume als Spion im Kanzleramt verhaftet worden war. Jetzt wirft Brandt sich vor, bei der Einstellung Guillaumes als Referenten dessen Personalakt nicht gelesen zu haben.

Buße für Guillaume

Seit erkennbar wurde, dass sich der Fall Guillaume zu einer großen Affäre entwickeln würde, womöglich explosiv genug, den Fortbestand der Koalition zu erschüttern, will Brandt sich als politisch Hauptverantwortlichen eingestuft haben. Er hielt es für nötig, sich selbst eine Buße aufzuerlegen.

Andernfalls, so meint er, hätte man eines Tages, wenn erst Faden um Faden das dunkle Gewebe entwirrt sein wird, über ihn ein hartes Urteil fällen können. Es auf eine saloppe Formel zu bringen, kann er sich jetzt leisten: "Die Leute hätten gesagt, der Brandt hat nicht alle Tassen im Schrank."

Verschleppendes Zaudern erschien ihm erst recht nicht mehr angebracht, nachdem Wehner am letzten Samstag eine zusätzliche Hiobsbotschaft übermittelt hatte. Sie war Wehner am Freitag von seinem Parteifreund Nollau zugeleitet worden, dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Nollau hatte mitgeteilt, dass die Privatsphäre des Bundeskanzlers ins öffentliche Gerede zu kommen drohe. (. . .) Wenngleich nähere Details von keinem Zeugen vermeldet werden konnten, hat Wehner diese Nachricht als alarmierend bewertet. Angeekelt sah er richtig voraus, was wenig später passieren würde: eine Pressekampagne, deren Andeutungen geeignet sind, schmutziger Phantasie freien Lauf zu lassen.

Brandt hingegen hat, wie Wehner sagt, "diese Dinge einfach abgeschüttelt". Er habe die vagen Aussagen seiner Sicherungskräfte "beinahe komisch" gefunden, habe scherzend gefragt, für wie potent man ihn eigentlich halte. (. . .)

"Nichts, was meine Frau irritieren müsste"

Mit Brandt im Anschluss hieran dessen angebliche Bettgeschichten zu erörtern, will dem Berichterstatter nicht sonderlich heikel vorkommen. Zu oft hat er auf Kanzler-Reisen erlebt, wie stark Brandts Anziehungskraft auf Frauen ist, die ihn überall umschwärmten. Brandt gehört zu jenem Politikertyp, dessen Vitalität sich bei nicht wenigen Bewunderinnen umsetzt in Sehnsucht.

Zu viele Beobachter haben dies zu oft wahrgenommen, um die Behauptung nicht absurd erscheinen zu lassen, Brandt sei wegen mutmaßlicher, allenfalls flüchtiger Zärtlichkeiten erpressbar. Was immer hier und da gewesen sein mag - es nimmt Brandt innerlich nicht in Anspruch. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", erinnert er sich, "was meine Frau irritieren müsste."

Als wirklich bedrückend sieht er hingegen die Umstände an, die es während seines Norwegen-Urlaubs im vergangenen Sommer dem Spion Guillaume möglich gemacht haben, von geheimen Unterlagen Kenntnis zu nehmen. (. . .) Kurz vor Urlaubsbeginn war dem Kanzler vom Innenminister mitgeteilt worden, dass Guillaume als DDR-Agent verdächtigt werde.

Um ihn zu überführen, sei anzuraten, Guillaume von der Reise nicht auszuschließen. Es gelte, ihn in Norwegen genauer zu observieren. Brandt fasst sich an den Kopf. Er hat in Norwegen nichts von Observieren gemerkt, weiß bis heute nicht, ob Observieren stattfand. Erinnerlich ist ihm nur geblieben, dass Guillaume sich als "Schwachkopf" aufgeführt habe, als eine "periphere Figur". (. . .)

Dass der Spion ihm eine derartige Falle stellen konnte, kreidet sich Brandt heute als unentschuldbar an. Sein Verständnis von Verantwortlichkeit ist es deshalb gewesen, das ihn veranlasst hat, als Kanzler abzutreten. Trotzdem ist er bereits heute soweit, sich in leichtem Ton über den Norwegen-Urlaub auszulassen, beinahe so, als plaudere er über eine amüsante Episode.

Die entscheidende Frage

Dies wird plausibel, wenn Brandt etwa sagt: "Mir kommt das Ganze wie im Kino vor" - wie ein zu schnell abgedrehter Film, dessen brisante Zwischenpointen man erst merkt, wenn man das Stück ein zweites Mal betrachtet. (. . .)

All dies genügt jedoch dem Berichterstatter nicht, sich vollkommen informiert zu fühlen. Ihn erinnert das Ganze an ein Kreuzworträtsel, bei dem es nicht gelingt, die allerletzte Frage zu lösen. Was ist wirklich entscheidend dafür gewesen, dass Brandt nicht mehr Kanzler ist? Da plötzlich entschließt sich Brandt, behilflich zu sein, eine mehr hintergründige Tatsache aufzuhellen.

Dass er dies tut, zeigt abermals, wie gering seine Fähigkeit ausgeprägt ist, sich selbst und andere zu betrügen. "Sie hätten ja auch gleich fragen können", sagt er wie neckend zum Berichterstatter, "ob ausschließlich der Fall Guillaume bestimmend gewesen ist." Und er fügt hinzu: "Ich werfe die Frage auf, beantworten brauche ich sie ja nicht." (. . .)

Noch verständlicher möchte er werden lassen, wie beruhigend es ist, sich endlich seelisch frei zu fühlen. Er gibt deshalb vergnügt der Neigung nach, den Satz wiederzugeben, mit dem er privat dem Bundespräsidenten verraten hat, welche Empfindungen ihn, nachdem der Rücktrittsbrief auf den Weg gebracht war, Montagnacht bewegten. "Gustav", hat Willy Brandt gesagt, "ich war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder fröhlich."

(SZ vom 2.1.2008/gal)