Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Ein tödlicher Anschlag gegen iranische Revolutionswächter nährt Spekulationen über Drahtzieher.

Inoffiziell wurde nach dem jüngsten Zwischenfall in Teheran sofort der Verdacht ausländischer Anstiftung geäußert. Foto: dpa

Irans Grenzland zu Pakistan ist der wilde Osten des Landes, am wenigsten entwickelt und von sunnitischen Belutschen bewohnt, für die Rauschgiftschmuggel im großen Stil und Entführungen wesentliche Erwerbszweige sind. Aber ein organisierter Anschlag wie jener, dem am hellen Tag und in einem Vorort von Sahedan, dem Zentrum der Provinz Sistan und Belutschistan, mehr als ein Dutzend Revolutionswächter zum Opfer fielen, ist dennoch nicht alltäglich.

Einmalig ist er freilich nicht, denn im März letzten Jahres wurde in Belutschistan eine Kolonne von Regierungsfahrzeugen überfallen. 22 Menschen kamen ums Leben. Da an diesem Tag Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Provinz besuchte, sah es zunächst so aus, als gelte das Attentat ihm. Tatsächlich war er zur Tatzeit mehr als 100 Kilometer entfernt. Doch im ständigen Kleinkrieg gegen Drogenbanden haben Polizei und Streitkräfte in der Region seit der Revolution vor 28 Jahren schon 3600 Mann verloren.

Eine neue politische Qualität erhielte der jüngste Anschlag, wenn sich heraus-stellen sollte, dass er nicht hausgemacht war. Der amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour Hersh hatte 2006 im New Yorker geschrieben, die Bush-Administration suche Kontakt zu Minderheiten in Iran, um das Regime zu destabilisieren und mögliche Militäraktionen vorzubereiten. Aus anderen Quellen in den USA geht hervor, dass Pentagon und CIA über Geld für Infiltration in Iran verfügen.

Auch die Vierteljahresschrift Defense Review des Pentagon erwähnte im Februar 2006 derartige Projekte. Inoffiziell wurde nach dem jüngsten Zwischenfall in Teheran sofort der Verdacht ausländischer Anstiftung geäußert. Keine verantwortliche Quelle bekennt sich indessen bisher zu dieser Anschuldigung. Da Washington die Iraner bezichtigt, sie schürten ihrerseits antiamerikanische Attentate im Irak, käme ein entsprechender Vorwurf Teherans einer Eskalation gleich.

Als Urheber des Anschlags vom Mittwoch hat sich die Gruppe "Dschundallah" (Armee Gottes) bekannt, die neben vielen anderen Gewaltakten auch für den Überfall auf die Fahrzeugkolonne im vergangenen Jahr verantwortlich war. Bei letzterem wurden neun Soldaten als Geiseln genommen. Ein Oberst einer Spezialeinheit der Revolutionsgarden, Oberst Hamid-Resa Kaweh, wurde in der Geiselhaft umgebracht.

Führer der Dschundallah ist der 24-jährige Abdel-Malek Rigi. In einem telefonischen Interview gab er seinerzeit an, er habe den Kampf vor etwa fünf Jahren aufgenommen, weil alle anderen Mittel erschöpft gewesen seien, um ethnische und religiöse Rechte für die Minderheit der Belutschen einzufordern. Rigi behauptet ferner, Hunderte sunnitische Mullahs, Aktivisten und Kämpfer seien gehängt oder auf andere Weise getötet worden. Von Teheran wird Dschundallah als Al-Qaida-Filiale bezeichnet. Doch ein organisatorischer Zusammenhang ist nicht nachgewiesen.

In Iran leben 1,4 Millionen Belutschen. Das sind etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie sprechen eine dem Farsi verwandte indogermanische Sprache, unterscheiden sich jedoch bewusst vom Staatsvolk der Perser. Die engen Verbindungen der zum Teil nomadisierenden Belutschen zu Stammesverwandten jenseits der pakistanischen Grenze fördern jede Art legaler und illegaler Geschäfte. Die Arbeitslosigkeit in der Provinz ist hoch.

Da Belutschistan vorwiegend aus heißer Wüste besteht, die zum Teil zerklüftet ist, bietet es unkontrollierbaren Elementen viele Möglichkeiten zum Unterschlupf. Von Teheran in den Südosten geschickt zu werden, empfinden viele Beamte, Lehrer und Ärzte als Strafversetzung. Speziell die Gegend um Sahedan ist gespickt mit befestigten Posten, Gräben, Mauern und Überwachungsanlagen. Gleichwohl ist es der Zentralgewalt in Teheran nie gelungen, Belutschistan völlig zu befrieden, weder unter dem Schah noch in der Islamischen Republik.

(SZ vom 15. Februar 2007)