vgwort

Von Heribert Prantl

Reden werden ungehalten zu Protokoll gegeben, Diskussion und Öffentlichkeit entfallen: So erledigt der Deutsche Bundestag Gesetze - und sich selbst.

Bundestag (AP)

Gähnende Leere im Bundestag: Sehen so öffentliche Debatten aus? (Foto: AP)

Das Parlament muss sich einen neuen Namen suchen. Bisher heißt es so, weil es der Ort ist, an dem öffentlich Reden gehalten werden: Parlament kommt von parlare, das heißt reden. In der vergangenen Nacht aber, kurz nach Mitternacht, ist das öffentliche Reden im Bundestag abgeschafft worden, teilweise jedenfalls.

Die Geschäftsordnung, in der bisher steht, dass die "Redner grundsätzlich in freiem Vortrag" sprechen, wurde ausdrücklich geändert. Die "freie Rede" kann jetzt schriftlich abgegeben werden. Immer dann, wenn die Tagesordnung in der Fußnote "Rede zu Protokoll" vermerkt, deponiert der Redner diese im Lauf des Tages auf dem Tisch des Bundestagspräsidiums. Das nennt sich "öffentliche Verhandlung". Darin besteht dann die Verabschiedung eines Gesetzes.

Was lästig ist, wird ans Ende geschoben

In der vergangenen Nacht sind mehr als 40 Tagesordnungspunkte auf diese Weise erledigt worden, darunter eine ganze Reihe von Gesetzesvorhaben. Dergestalt erledigt wurden Gesetze zum Strafverfahren, zum Schutz der Opfer von Zwangsheirat und Stalking, zur Strafbarkeit der Genitalverstümmelung, zum Berufsbildungsgesetz etc. etc.

Zu Protokoll gegeben wurden die Reden zum Strahlenschutz, zur auswärtigen Kulturpolitik, zu Genmais und Regulierung des Strommarkts, zum Klimaschutz, zur Organspende, zur Wahl der Bundesverfassungsrichter, zur Krankenversicherung - bis hin zum Finale, dem Antrag der Grünen, "vorbildlich und importunabhängig Ökostrom und Biogas einzukaufen".

Die Reden zu all den Themen wurden einfach auf dem Tisch deponiert. Die zweite und dritte Lesung von Gesetzen bestand einzig und allein in der Niederlegung von schriftlichen Reden. Das war und ist die parlamentarische Praxis des Artikels 42 Grundgesetz, in dem es heißt: "Der Bundestag verhandelt öffentlich."

"Rede zu Protokoll" heißt dieses merkwürdige Verfahren, das die parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen aus Gründen der Effizienz erfunden haben. Vor etwa zehn Jahren wurde es erstmals häufiger praktiziert. Heute bedienen sich die Fraktionsgeschäftsführer der Koalition dieses Verfahrens behende und exzessiv. Sie platzieren ihnen lästige oder zeitraubende Themen ans Ende eines langen Beratungstages - auf dass die Abgeordneten erleichtert sind, wenn sie nicht mehr ausharren müssen und sich also "zu Protokoll" verabschieden können.

Lesen Sie auf Seite 2, warum der Bundespräsident nicht beratene Gesetze auch nicht ausfertigen sollte.

  • In diesem Artikel:
  1. Sie lesen jetzt: 1 Das Parlament als Farce
  2. 2 Das Plenum wird zum Dormitorium

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Leserkommentare (107)



09.07.2009 10:18:51

cashca: Das Parlament als Farce. Nix für ungut, wir bezahlen sie trotzden .

Nicht mal eine Minute für eine Punkt ! Und das geht?

Ja, wir haben im Parlament wirklich nur noch Schnelldenker, Schnellredner, Schnellspanner, Schnellhandler, Schnellläufer, Schnellkassier und -- einfach genial.,

Wo kämen wir denn sonst hin?

Nur , diese geniale Potenzial ist leider nie im Bundestag, wir bezahlen leere Stühle.

die Redner reden vor leerem Plenum. Ich habe schon versucht, sie mit dem Fernglas zu suchen, ich sehe sie nicht, auch nicht mit Brille.

Ja wo laufen die denn?

Unser Parlament ist zu einer Farce, zu einem "ETWAS" das man nicht näher definieren kann verkommen.-- Ist das nicht schade?

Nix für ungut, wir bezahlen sie trotzden alle, und das von Herzen gerne.

Sie sind ja alle erst e Garnitur in Sachen Weitblick, Ausblick, Überblick und---

überhaupt sie haben den grandiosen Durchblick, drum geht es jetzt wieder aufwärts, vorwärts ----bis zum 0 Punkt...und ..dann, ja dann, dann fangen wir hoffentlich an zu denken.-- ich fange gerade an....über Ausblick und Einblick......

Grüße

cashca


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