Er gilt als große Nachwuchshoffnung der FDP - dabei will er partout nicht nach Berlin, sagt Philipp Rösler. Vor dem Bundesparteitag der Liberalen fordert der Niedersachse, dass sich die Partei thematisch breiter aufstellt - und spart nicht mit Kritik an Guido Westerwelle.
Philipp Rösler ist Partei- und Fraktionschef der FDP in Niedersachsen. In seinem Büro hängt ein Poster, das Nelson Mandela in seiner Gefängniszelle zu Zeiten der Apartheid zeigt. Rösler hat es ausgesucht, weil es für die Sehnsucht nach Freiheit steht - ein zentraler Pfeiler des FDP-Selbstverständnisses. Foto: Thorsten Denkler
Philipp Rösler stürmt zur Tür seines Büros herein, in dem die Interviewer auf ihn warten. Er kommt gerade vom Essen und ist so geringfügig verspätet, dass es gar nicht der Rede wert ist. Von der Hektik des Beginns ist jedoch schon bald nichts mehr zu spüren, so ausgeruhte Antworten gibt der 35-jährige Nachwuchsstar der FDP. Nachwuchsstars können sich offenbar gut leiden, denn auf die Frage, ob er Hillary Clinton oder Barack Obama besser findet, verfällt er in eine Obama-Eloge. Nicht die einzige Frage, in der er anderer Ansicht ist als Parteichef Guido Westerwelle.
sueddeutsche.de: Herr Rösler, eigentlich wollten wir Ihnen ein Geschenk mitbringen - einen Schlüsselanhänger vom FDP-Parteitag 2002 in Mannheim. FDP steht darauf und daneben die Zahl 18. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob wir Ihnen damit eine Freude gemacht hätten.
Philipp Rösler: Doch, doch. Ich gehöre zu den Sammlern solcher Bänder. Das mit der 18 darauf habe ich aber auch noch.
sueddeutsche.de: Als die "18" noch aktuell war und signalisieren sollte, wie viel Prozent der Wählerstimmen die Liberalen bekommen wollten, sprach die FDP fortwährend von "Eigenständigkeit". Dieser Kurs wurde jetzt wiederentdeckt. Keine Sorge, dass sich die Erfolglosigkeit des Projekts 18 wiederholt?
Rösler: Wir haben daraus gelernt. Wir wissen heute: Die Menschen wählen uns nicht, damit sie unsere Prozent-Träume erfüllen, sondern damit wir für sie arbeiten. Die Frage der Eigenständigkeit aber ergibt sich heute fast automatisch, wenn alle anderen Parteien nach links schwenken - denn wir sind als einzige Partei bei unseren Positionen geblieben. Guido Westerwelle sagt zu Recht, wir rennen nicht weg, wenn sich andere auf uns zu bewegen. Aber wir rennen anderen auch nicht hinterher.
sueddeutsche.de: So ganz richtig scheinen Sie das nicht zu finden. In Ihrem umstrittenen Thesenpapier "Was uns fehlt" gehen Sie mit Ihrer Partei hart ins Gericht. Sie fordern darin auch, den Begriff Solidarität nicht zu verteufeln.
Rösler: Wenn man Solidarität übersetzen würde mit: "Der Starke hilft dem Schwachen“, dann ist das ein urliberaler Begriff. Er gehört nicht einer bestimmten politischen Richtung, sondern zum liberalen Wertekanon. Es ärgert mich ein bisschen, dass das bei den Menschen nicht ankommt.
sueddeutsche.de: Was fehlt Ihnen in der FDP?
Rösler: Der ehemalige Grüne Oswald Metzger hat auf die Frage, warum er nicht zur FDP gegangen ist, geantwortet: Weil die CDU Werte habe. Ich würde sagen: Weil die CDU mehr Listenplätze zu vergeben hat, aber sei’s drum. Dort, wo in der Gesellschaft über Werte diskutiert wird, findet die FDP derzeit leider nicht statt.
»Nicht nur Generalsekretäre dürfen schreiben. Das dürfen andere auch.«
Rösler über sein Thesenpapier "Was uns fehlt", das in der Parteispitze auf wenig Gegenliebe stieß
sueddeutsche.de: In der öffentlichen Wahrnehmung ist die FDP die Partei der Karrieristen, denen Werte egal sind.
Rösler: Mag sein. Aber das Bild ist falsch. Ich bin nicht trotz fehlender Werte in die Partei eingetreten, sondern wegen ihrer Werte. Die FDP ist keine Partei für Menschen, die schnell etwas werden wollen. Die FDP ist die Partei der Aufklärung - für alle Menschen, die unabhängig, selbständig und frei sein und bleiben wollen.
sueddeutsche.de: Sie haben gesagt, die FDP müsste eine neue Vision entwickeln und fordern eine Programmdebatte. Verschleppt Ihr Parteivorsitzender Guido Westerwelle das Problem?
Rösler: Westerwelle-Bashing ist nicht meine Aufgabe.
sueddeutsche.de: Gerhart Baum, der liberale Vorkämpfer, hat gesagt, die Abfassung eines Papiers wie "Was uns fehlt" wäre eigentlich Aufgabe des Generalsekretärs Dirk Niebel gewesen.
Rösler: (schmunzelt) Baum ist ein kluger Kopf. Aber nicht nur Generalsekretäre dürfen schreiben. Das dürfen andere auch. Das habe ich getan, wenn auch ohne Erfolg.
sueddeutsche.de: Und jetzt?
Rösler: Ich bleibe dran. Eine solche Debatte über neue Visionen, über grundsätzliche Bildungsziele können Sie am besten rund um ein Grundsatzprogramm führen. Die Spitze der Bundespartei weigert sich da schlichtweg. 2009 ist Bundestagswahl, da kann ich die Verweigerungshaltung ja verstehen - aber man kann als vorausschauende Parteiführung zumindest die Voraussetzungen für eine Debatte schaffen.
sueddeutsche.de: Was macht die FDP-Führung stattdessen?
Rösler: Ich habe von Dirk Niebel einen Brief bekommen, dass es schon Foren für so etwas gäbe, die Zukunftsforen der FDP. Ich bin dann für November zum nächsten Zukunftsforum eingeladen worden. Da habe ich mich ein bisschen veräppelt gefühlt.
sueddeutsche.de: Es hat ordentlich Ärger gegeben mit Niebel.
Rösler: Wir haben uns richtig gestritten. Aber hey, das gehört zum Job. Die gute Nachricht ist: Wer in Berlin nichts gewinnen will, der läuft auch nicht Gefahr, etwas in Berlin zu verlieren.
Lesen Sie auf Seite 2, welches Problem Rösler darin sieht, dass Guido Westerwelle fast als alleiniges Gesicht der FDP wahrgenommen wird.
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