Interview: Judith Raupp

Die Hungerkrise lässt die Welt aufschrecken. Zu spät, findet Jacques Diouf, Generaldirekter der UN-Ernährungsorganisation. Er fordert zusätzliche 1,7 Milliarden Euro für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern.

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"Die Geberländer und die Weltbank sind gefordert": Jacques Diouf, Generaldirektor der UN-Ernährungsorganisation FAO Foto: AFP

Der 69 Jahre alte Senegalese Jacques Diouf ist seit 1994 Generaldirektor der UN-Ernährungsorganisation FAO. Angesichts der Hungerrevolten in Afrika, Asien und der Karibik fordert er mehr Geld für den Ausbau der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Er wirft der Staatengemeinschaft vor, die Gefahr von sozialen Unruhen zu lange ignoriert zu haben.

SZ: Herr Diouf, die Hungerkrise hat die Welt aufgeschreckt. Viele Staaten leisten Nothilfe. Ist das der richtige Weg?

Jacques Diouf: Menschen, die vom Hungertod bedroht sind, brauchen Notrationen. Aber ich fürchte, wir verpassen wieder den richtigen Zug. Auf der Nordhalbkugel ist jetzt die Zeit, in der die Bauern säen sollten. Wenn wir nicht sofort Saatgut und Dünger in die ärmeren Länder schaffen, fällt die nächste Ernte aus, und das Hungerproblem wird noch größer. Wir schlagen eine Schlacht, die wir schon längst hätten schlagen müssen.

SZ: Was meinen Sie damit?

Diouf: Wer Armut bekämpfen will, muss die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern ausbauen, damit sie sich mit Nahrungsmitteln versorgen können. Das ist seit Jahren bekannt. Aber statt mehr Geld floss weniger Geld in diesen Sektor. Die FAO hat im Dezember 17 Millionen Dollar für den Aufbau der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt. Das reicht nicht. Nötig wären 1,7 Milliarden Dollar. Hier sind die Geberländer oder die Weltbank gefordert.

SZ: Die Entwicklungsländer haben stets argumentiert, dass sie für ihre Agrarprodukte mehr Geld bekommen müssten, damit sie die Armut bekämpfen können. Nun sind die Preise hoch, aber die Menschen hungern. Was läuft schief?

Diouf: Mit hohen Preisen allein ist es nicht getan. Den Entwicklungsländern fehlen Bewässerungssysteme, Lager, Straßen und die Möglichkeit, Produkte weiterzuverarbeiten. 96 Prozent der Bauern südlich der Sahara sind vom Regen abhängig. Fällt er aus, bleibt auch die Ernte aus. Bis zu 60 Prozent der Waren verderben, weil es keine Lager gibt. Unter diesen Umständen bedeuten höhere Preise für Essen, Saatgut oder Energie in erster Linie höhere Kosten. Die Menschen in den armen Ländern leiden darunter besonders.

SZ: Wer sind die Profiteure?

Diouf: Zum Beispiel die Supermärkte und die Handelsfirmen, die die Waren teuer verkaufen. Auch die Spekulanten an den Terminbörsen verdienen gut. Die lassen sich auch nicht kontrollieren. Und natürlich profitieren die Bauern in den reicheren Ländern, die unter guten Bedingungen produzieren können und noch dazu Subventionen erhalten.

SZ: Wollen Sie die Subventionen für die Landwirte abschaffen?

»Es ist nicht akzeptabel, dass Arme immer ärmer werden.«

Diouf: Das habe ich nicht gesagt. Aber man muss gleiche Bedingungen für alle herstellen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Bauern in den Industrieländern Zuschüsse erhalten, damit ihre Einkommen auf ein angemessenes Niveau steigen. Nur müssen die Bauern in den Entwicklungsländern diese Subventionen von der internationalen Gebergemeinschaft auch bekommen. Wenn man das nicht will, muss man die Subventionen für alle abschaffen. Es ist nicht akzeptabel, dass Arme immer ärmer werden.

SZ: Hoher Fleischkonsum oder die Verbreitung von Biosprit treiben die Getreidepreise nach oben. Müssen die reichen und reicher werdenden Gesellschaften ihre Verhaltensweisen ändern?

Diouf: Nehmen wir China und Indien: Die Menschen dort werden reicher und verzehren mehr Fleisch. Soll ich sie deshalb anprangern? Es ist gut, wenn der Wohlstand steigt. Ich will auch den Leuten in den Industrieländern nicht vorschreiben, was sie auf dem Teller haben. Und beim Biosprit muss man sehr genau beobachten, aus welchen Pflanzen er gewonnen wird und ob Subventionen im Spiel sind. Moralische Diskussionen helfen nicht viel weiter. Hunger ist ein ökonomisches Problem, das wir ökonomisch lösen müssen. Und das bedeutet, in Landwirtschaft und Technik zu investieren.

SZ: Auch in Gentechnik?

Diouf: Das muss jedes Land für sich entscheiden.

SZ: Wagen Sie eine Prognose, wann alle Menschen genug zu essen haben?

Diouf: Ich habe keine Kristallkugel. Kurzfristig könnte Nahrung allerdings knapp werden. Denn manche Länder, die Getreide produzieren, haben Exportstopps verhängt. Das ist kontraproduktiv. Aber ich sehe nicht, weshalb wir es alle gemeinsam nicht schaffen sollten, die Menschen auf dieser Erde zu ernähren.

(SZ vom 25.04.2008/aho)