Atomperlen aus Geesthacht

    Schleswig-Holstein

    01.11.2004, 18:35

    Von Martin Urban

    Die "Atombombe in der Aktentasche": Forscher glauben, Ursache der Kinder-Tumore in der Gemeinde Geesthacht entdeckt zu haben.

    Lange Zeit einer der üblichen Verdächtigen: Das Atomkraftwerk Krümmel in Geesthacht. (Foto: AP)

    Völlig überraschend hat sich die Experten-Kommission aufgelöst, die seit 1992 die Ursache der häufig auftretenden Leukämie bei Kindern in der Umgebung von Geesthacht (Schleswig-Holstein) erforscht.

    Der Vorsitzende Otmar Wassermann und fünf weitere wissenschaftliche Mitglieder der achtköpfigen Kommission erklärten am Montag in Berlin „unter Protest gegen die Verschleierungspolitik der schleswig-holsteinischen Aufsichtsbehörde“ ihren Rücktritt. Die Strahlenforscher glauben jetzt zu wissen, was seinerzeit passiert ist.

    Die Suche nach dem Fingerabdruck

    Sie haben jahrelang nach dem „Fingerabdruck“ eines mit der Freisetzung von Radioaktivität verbundenen Ereignisses gesucht – und sind auf sensationelle Weise fündig geworden. Sie identifizierten nach eigenen Angaben einen Mix aus Spalt- und Aktivierungsprodukten, Transuranen (Plutonium und Americium) sowie weiteren Kernbrennstoffen (angereichertes Uran und Thoriumderivate).

    Die Analyse ergab, dass die Spur nicht nach Tschernobyl führt, wo sich im April 1986 die bisher größte Reaktorkatastrophe ereignet hat. Sie führt auch nicht ins Kernkraftwerk Krümmel, obwohl auch dort allerlei Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein sollen. Dagegen wurden die Strahlenforscher bei der gleich nebenan liegenden GKSS fündig.

    Art und Aufbau sogenannter Mikrosphären ließen auf die Herkunft „aus einer Hybridanlage, bei der Kernfusion und Kernspaltung vereint zur Energiefreisetzung benutzt werden sollten“, schließen. Im September 1986 sei eine Laboreinrichtung auf dem Gelände abgebrannt. Das Ereignis belege „den zeitlichen Zusammenhang zum Anstieg der Leukämieerkrankungen“.

    "Atombombe in der Aktentasche"

    Was war passiert? Damals – in Bonn regierte Helmut Kohl, in Schleswig Holstein Uwe Barschel – wurde die Idee einer „Atombombe in der Aktentasche“ diskutiert: Eine millimetergroße Perle aus Plutonium 239 genügt. Im Brennpunkt eines Ellipsoids, einer Eiform aus Keramik, angebracht, kann die Perle mittels eines Laserimpulses so hoch verdichtet werden, dass es zu einer Mini-Atombombenexplosion kommt.

    Dabei werden Energien freigesetzt, die 500 bis 1000 Kilogramm TNT-Sprengstoff entsprechen. Solche Experimente, so das Münchner Kommissionsmitglied, der Strahlenmediziner Edmund Lengfelder, sind damals – vermutlich mit Wissen der Amerikaner – in der GKSS gemacht worden. Wenn das zuträfe, wäre es völkerrechtswidrig gewesen, was die Dementis wie die Behinderungen der Kommission durch die staatlichen Stellen erklären würde.

    Radioaktive Perlen aus Thorium wurden auch für die Brennelemente des seinerzeit entwickelten Hochtemperaturreaktors benötigt. In Hanau habe man solche Perlen produziert, sagt Lengfelder. Bei einem dieser Experimente, so glaubt die Kommission, muss es im September 1986 zu einem Zwischenfall gekommen sein.

    Die jetzt zurückgetretenen Forscher nennen die Erklärungen der Reaktoraufsicht „absurd“ und „aberwitzige Widerlegungsversuche“. Unterlagen, sagt die Feuerwehr heute, seien später bei einem Brand vernichtet worden, der radioaktive Müll soll auf die DDR-Giftmülldeponie Schönberg gekarrt worden sein.

    (SZ vom 2.11.2004)

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