Unruhe bei den Sozialdemokraten: Plötzlich findet sich SPD-Chef Franz Müntefering in der Rolle des Buhmanns wieder. Der wirkt dabei so ratlos wie die Partei.
Franz Müntefering nach einer Präsidiumssitzung: Der SPD-Chef ist in den vergangenen Tagen in seiner Partei ein wenig überraschend in die Rolle eines Buhmanns geraten. Foto: dpa
Plötzlich steht Franz Müntefering in einem grellen, fast brutalen Licht. Sein Gesicht ist ganz weiß, selbst der Profi Müntefering, den schon viele Scheinwerfer ausgeleuchtet haben, muss erstmal blinzeln. Montagabend in Berlin, Geburtstagsfeier eines türkisch-deutschen Radiosenders. Der SPD-Chef hält eine Glückwunschrede, flott, gut gelaunt, er schaut kaum auf seinen Notizzettel, spricht frei über Integration, kommunales Wahlrecht und doppelte Staatsbürgerschaft.
Ein, zwei Gespräche fallen einem da ein, die man in letzter Zeit mit Sozialdemokraten über Müntefering geführt hat, Gespräche, in denen es hieß, mit seinen 69 Jahren sei er eben doch nicht mehr der Jüngste. An diesem Abend aber hätten einige Jüngere da vorne auf der Bühne definitiv älter ausgesehen als ihr Parteichef.
Eine merkwürdige Melange
Müntefering ist in den vergangenen Tagen in der SPD ein wenig überraschend in die Rolle eines Buhmanns geraten. Es war ein schleichender Prozess, in dem sich Fehler, Ungeschicklichkeiten und Vorwürfe anhäuften - oder eben auch gegen ihn angehäuft wurden. Von beidem etwas.
Eine merkwürdige Melange ist da entstanden, Wichtiges und weniger Wichtiges gerieten ineinander, Politisches und Privates, woran Müntefering auch selbst mitgewirkt hat. Wenn man ihn darauf anspricht, streitet er das Phänomen nicht ab. Nur verstehen kann er es nicht.
Der Versuch, die Situation Münteferings zu analysieren, und auch, wie sie entstanden ist, gleicht dem Versuch, einen Teig wieder in seine Bestandteile aufzulösen. Milch, Mehl, Butter, Eier, Hefe. Zunächst einmal waren da die großen Themen: Opel und Arcandor.
Beide Male trat die SPD für die Rettung ein, vor allem bei Arcandor wirkte Müntefering vehementer als Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier oder Finanzminister Peer Steinbrück. Leute, die es wissen müssen, sagen aber, man sei sich in der SPD-Spitze völlig einig gewesen. Das war der Europa-Wahlkampf. Dann kam die Wahl: ein Desaster für die SPD.
Seit 1998, als Rot-Grün an die Macht kam, lebt Franz Müntefering von seinem Ruf als großer Wahlkampf-Stratege. Auf Müntefering und seinen Intimus, Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, verließ sich eine ganze Partei, Gerhard Schröder sowieso, und jetzt auch Frank-Walter Steinmeier. Es war einer der Gründe, weshalb Steinmeier im Herbst 2008 am Schwielowsee Müntefering bat, den Parteivorsitz zu übernehmen.
Müntefering selbst hat in den vergangenen Jahren aus diesen Qualitäten sogar eine Perspektive für die SPD nach der großen Koalition entwickelt: Vier Jahre fürs Land mit der Union regieren - den Wahlkampf danach können wir sowieso besser. Und dann kommt keine vier Monate vor der Bundestagswahl plötzlich das schlechteste SPD-Ergebnis aller Zeiten heraus. Das war, wenn man so will, die Hefe, die den Prozess ins Gären brachte.
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